Das Schweigen der Zeugen

Der Mann im Zuhörerraum wunderte sich. Selbst zu den Geschädigten zählend, wollte es ihm nicht in den Kopf, "dass da manche nicht aussagen müssen". Zumindest drei der bisher zum Prozess um einen angeblichen Millionen-Betrug vor das Landgericht geladenen Zeugen durften schweigen. Was sie zu sagen gehabt hätten, wäre womöglich interessant gewesen.

Der Angeklagte, ein 54-jähriger Finanzmakler aus Amberg, befindet sich nach wie vor in Untersuchungshaft. Seit einem Jahr und drei Tagen nunmehr. Seine beiden Anwälte Hans Meyer-Mews (Bremen) und Michael Schüll (Amberg) haben im Verlauf des Verfahrens mehrfach versucht, ihrem Mandanten den weiteren Aufenthalt hinter Gittern zu ersparen.

Die Bemühungen führten vor einiger Zeit bis vor das Oberlandesgericht in Nürnberg. Als auch von dort eine ablehnende Entscheidung kam, zeigte Meyer-Mews die OLG-Richter wegen Rechtsbeugung an.

500 Millionen Euro

Auch am dritten Verhandlungstag schwieg der 54-Jährige. Er soll im Verlauf mehrerer Jahre Darlehen von Geldgebern angeworben und dabei sinngemäß geschildert haben, man brauche Finanzmittel, um Gebühren für die Freigabe eines 500-Millionen-Euro-Depots zu zahlen. Das glaubten die Leute aus dem In- und Ausland offenbar, überwiesen großteils Summen im sechsstelligen Bereich und sahen weder ihre Einlagen noch die dafür in Aussicht gestellten hohen Renditen wieder.

Mehrere Stunden hatte die Strafkammer am dritten Verhandlungstag für die Vernehmung dreier Zeugen angesetzt. Doch nach 30 Minuten war alles vorüber. Zunächst hätte ein Rechtsanwalt aus dem Kreis-Amberg-Sulzbach gehört werden sollen. Der Jurist verweigerte jegliche Angaben und tat dies mit Hinweis darauf, er sei nach wie vor im Umfeld des Verfahrens als Interessenvertreter eines Mandanten tätig. Das machte auch ein Mann aus der mittleren Oberpfalz. Gegen ihn, so stellte sich heraus, läuft im Zusammenhang mit den mutmaßlichen Betrügereien ein Ermittlungsverfahren.

"Mallorca-Betrüger" nicht

Also kam der nächste Zeuge. Doch auch er war nach drei Minuten wieder fort. Aus Thüringen mit einem Rechtsbeistand angereist, wurde bei ihm ebenfalls offenkundig: "Es läuft ein Ermittlungsverfahren." Deswegen besaß er ein Aussageverweigerungsrecht und machte Gebrauch davon. Heute geht es weiter. Mit neuen Zeugen. Der heuer in Weiden zu elf Jahren Haft verurteilte "Mallorca-Betrüger" Wolfgang S., der für die Staatsanwaltschaft als Drahtzieher und Geschäftspartner des Amberger Finanzmaklers gilt, steht nicht auf der Liste derer, die in Amberg aussagen sollen.

Wolfgang S. (68) hat gegen seine Verurteilung Revision zum Bundesgerichtshof einlegen lassen. Dies taten zunächst seine im Weidener Prozess auftretenden Verteidiger Helmut Miek (Sulzbach-Rosenberg) und Jörg Jendricke (Amberg). Eine Revisionschrift kam aber auch von dem Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate. Ihn hatte Wolfgang S. nach dem Prozess in Weiden mit der weiteren Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9610)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.