Den Dorfladen in Utzenhofen gibt es seit 20 Jahren
Pioniere mit Einkaufskörben

Rosina Scharl (links) ist auch seit Anfang an dabei und steht seit 1994 hinter der Theke.
 
Franz Riedl ist im Dorfladen seit 20 Jahren Stammkunde. Bilder: Steinbacher

Die Utzenhofener sind Vorreiter. Vor 20 Jahren eröffnete ein von Bewohnern betriebener Dorfladen - der erste seiner Art in Bayern. Viele prophezeiten damals eine baldige Schließung - zu unrecht. Kämpfen müssen die Betreiber trotzdem.

Wenn die Türe aufgeht, bimmelt es: Ding-Dong. Die Glocke läutet an diesem Vormittag noch oft. Denn mittwochs ist im Utzenhofener Dorfladen am meisten Verkehr. Einer, der fast täglich zum Einkaufen kommt, ist Franz Riedl. Er trägt einen grauen Hut, einen grauen Anzug, eine Brille und hört nicht mehr so gut. Schließlich ist Riedl schon älter. 92, um genau zu sein.

Er ist einer von denen, der Mark sagt, auch wenn er Euro meint. Der Dorfladen ist für den Senior eine Erleichterung. Weil Riedls Frau gesundheitlich angeschlagen ist, besorgt er das Notwendigste. Das tut Riedl seit nunmehr 20 Jahren im Dorfladen. Eigentlich versteht es sich von selbst, dass er gerne kommt. Er formuliert es aber trotzdem: "Ich bin selbstverständlich zufrieden."

Theoretisch könnte der 92-Jährige auch auswärts einkaufen. Etwas billiger, wie er sagt. "Ich habe einen Führerschein und zwei Autos", betont er. Aber Riedl geht lieber in den Dorfladen. Das liegt zum einen sicherlich an der Atmosphäre. Zum anderen ist der nächste größere Einkaufsmarkt in Kastl. Die etwa fünf Kilometer Fahrtstrecke dorthin haben es in sich. Von einen Ort zum anderen schlängeln sich Kurven, die eher an einen Formel-1-Parcours als an eine Straße erinnern. Da sind die wenigen Meter Fußmarsch von Riedls Zuhause in den Dorfladen bequemer.

In seinen Korb legt der Stammkunde eine Packung Kaffee. "5 Mark 49", liest er laut vom Preisschild ab. Dazu packt er Buttermilch, bestellt frische Wurst und holt sich, was er sonst noch so braucht. An der Kasse streckt er Andrea Weber (28) seine Hand entgegen. In dieser hält er einige Münzen. Die junge Verkäuferin, die aus dem Nachbarort Aumühle stammt und mittlerweile das dritte Jahr im Dorfladen arbeitet, rechnet der Senior laut und langsam vor, wie viel Geld sie sich aus der Hand pickt. Riedl achtet kaum darauf, steckt die restlichen Münzen zurück und verabschiedet sich freundlich.

Es ist wohl genau dieses vertrauensvolle Verhältnis und dieser freundliche Umgang miteinander, der dafür sorgt, dass das Geschäft auch noch nach 20 Jahren besteht. Die Einwohner Utzenhofens und aus dem Umland kommen regelmäßig in den Dorfladen. Deshalb sind sie Pioniere mit Einkaufskörben. Ein Kampf ums Überleben ist es dennoch. Viele Engagierte kämpfen für den Erhalt. Eine von ihnen ist Rosarita Fromm. Sie war von Anfang an als Verkäuferin dabei, hörte erst heuer im Oktober auf. Sie müsse kürzer treten, erklärt die 56-Jährige. Sie erinnert sich an die Anfänge und viele ehrenamtlich geleistete Stunden. Das Engagement hat sich rentiert. Denn trotz aller Unkenrufe, hat sich der Dorfladen gehalten. Laut Fromm gaben manche dem Projekt "höchstens fünf Jahre", andere sagten: "Wenn die Saure-Gurken-Zeit kommt, dann ist es eh vorbei."



Fromm und ihre Mitstreiter beweisen das Gegenteil, was nicht immer leicht ist. "Wir haben auch schon Minus gemacht", gesteht sie. Es sei oft schwierig, die Preise zu halten. Dennoch haben sich die Utzenhofener bis heute durchgekämpft. Selbst die Eröffnung eines Netto-Marktes in Kastl vor einigen Jahren hat das Utzenhofener Geschäft überlebt.

Das Sortiment im Dorfladen ist breitgefächert. In Körben liegt frisches Gemüse, in der Kühlung stehen Joghurts und in den Regalen Oblaten-Lebkuchen und Schoko-Nikoläuse. Neben der Kasse gibt es Lucky Strikes und die Amberger Zeitung zu kaufen. Scheinbar also ein völlig normaler Laden. Aber nur scheinbar. Denn schon die allmorgendliche Brotzeit-Bestellung der Mitarbeiter einer ortsansässigen Firma ist ungewöhnlich. Der Wurstsemmel-Auftrag wird jeden Tag per Fax geschickt. Die Verkäuferinnen packen dann die Brotzeiten in Tüten, die täglich pünktlich um 9 Uhr abgeholt werden.

Wenn die Türe aufgeht, bimmelt es: Ding-Dong. Die Glocke läutet an diesem Vormittag noch oft. Denn mittwochs ist im Utzenhofener Dorfladen am meisten Verkehr. Einer, der fast täglich zum Einkaufen kommt, ist Franz Riedl. Bilder von Wolfgang Steinbacher



Die liebevolle Leberkäse- und Wienerl-Bestellung steht sinnbildlich dafür, dass der Großteil der Kunden regelmäßig kommt. Alleine an diesem Vormittag kauft gefühlt halb Utzenhofen im Laden ein. Dass es einen festen Stamm gibt, ist sicherlich nicht überraschend. Er ist aber auch überlebensnotwendig. Schließlich soll es den Dorfladen noch länger geben. Fromm sagt: "Ich hoffe, dass, wenn ich alt bin, ich auch mal zum Einkaufen hierher kommen kann."
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