Denkmäler der Trauer

Stilisierte Mohnkapseln zieren das gusseiserne Kreuz. Die Motive sind nicht zufällig gewählt: "Mohn bringt den Schlaf - den kleinen Bruder des Todes", sagt Stadtheimatpflegerin Beate Wolters. Nur eine der vielen Besonderheiten, die man auf den beiden älteren Amberger Friedhöfen sehen kann.

Ein aufmerksamer Blick beim Gräbergang zu Allerheiligen lohnt sich also. Das Kreuz mit den Mohnkapseln steht auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof. Es ziert eine besondere Ruhestätte - eines der 117 denkmalgeschützten Gräber des Dreifaltigkeitsfriedhofs. Auch auf dem Katharinenfriedhof gibt es sie, hier sind es allerdings nur 71.

Obwohl, vielleicht aber auch gerade weil davon viele Amberger gar nichts wissen, ist das Interesse groß, berichtet Beate Wolters: Die Friedhofsführung, die sie dazu diesmal zum Tag des offenen Denkmals angeboten hat, fand so regen Zuspruch, dass es wohl nicht die letzte war. Wolters deutet auf den filigranen, gusseisernen Zaun, der das Grab mit dem Mohnkapsel-Kreuz umgibt: Solche, meist üppig verzierten, Einfassungen seien "ganz typisch für die Gründerzeit". Heute wären sie nicht mehr erlaubt - umso schöner, dass einige der alten Exemplare erhalten sind. Wenngleich sich beim genaueren Hinsehen auch zeigt, dass man sich um solche Schätze kümmern muss: Rost nagt am schlanken Zaun.

Der gnadenlose Zahn der Zeit hat auch anderer Stelle zugebissen: "Dem Engel geht es nicht gut", bedauert Wolters vor einer Grabfigur - ein kleineres Exemplar der Galvano-Plastiken, mit sichtbaren Schäden an beiden Händen. Das ist gefährlich für den Engel - hier kann Wasser eindringen und den Gipskern der Figur zerstören. Einst waren diese Trauer-Darstellungen sehr beliebt, inzwischen sind sie selten geworden. Aber Amberg hat noch eine stattliche Anzahl davon. Über einen Katalog des Herstellers WMF, der Württembergischen Metallwarenfabrik, lassen sich die Plastiken ganz genau zuordnen.

Weil diese so beliebt waren, sollte das Nachschlagewerk einst auch dafür sorgen, dass auf einem Friedhof nicht zwei gleiche Modelle auftauchen. In Dreifaltigkeit hat das nicht funktioniert: Nur wenige Meter voneinander entfernt findet man hier zwei große, völlig identische weibliche Trauernde. Die einzige Doublette dieser Art - und damit ebenfalls eine Besonderheit. Als solche darf man auch das kleine Grabmal bezeichnen, auf das Wolters am Ende des Spaziergangs noch hinweist. Ungewöhnlich ist schon, dass es aus Holz ist - eine Art Schild mit Dach, in Häuschenform. Die eingeschnitzten Daten zeigen, dass es aus Kriegszeiten stammt. Ganz anders als die oft sehr dramatisch trauernden Galvano-Figuren offenbart sich hier Lebensfreude, die über den Tod hinausreicht: Unter dem verwitterten Dach pflückt ein Mädchen Sonnenblumen.
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