Der erste Kalender ihres Lebens

Carmela Levy Bertuna (18) aus Uruguay verbringt ein Austauschjahr in Deutschland. Mit ihrer Gastmutter, Dr. Michaela Beha (rechts), unternimmt sie viel. Zum Beispiel einen Ausflug in die Schulkirche. Bild: hfz

Probleme? Carmela Levy Bertuna lächelt. Die 18-Jährige aus Uruguay sieht so aus, als ob sie 11 326 Kilometer entfernt von ihrer Heimat alles in den Griff bekommt. Die Südamerikanerin verbringt in Deutschland ein Austauschjahr.

Nach drei Wochen Intensivkurs kam sie mit der Austauschorganisation Youth for Understanding (YfU) nach Deutschland. Mittlerweile wohnt die 18-Jährige in Amberg bei Familie Beha. Ihre Gastmutter, Dr. Michaela Beha, hat selbst drei Kinder im Alter von 10, 16 und 18 Jahren. Die Gynäkologin ist schon seit Jahren Betreuerin von Austauschschülern von YfU. Etwa zwei kommen pro Jahr hier in die Gegend.

Frau Bertuna, warum haben Sie sich für Deutschland entschieden?

Englisch kann ich schon. Ich war bereits in Amerika. Ich wollte eine neue Sprache lernen.

Wie lange sind Sie schon hier?

Seit sechs Monaten bin ich in Deutschland, aber erst seit vier Wochen in Amberg. Ich habe meine Gastfamilie gewechselt. Dort habe ich mich nicht sehr wohl gefühlt.

Warum?

In der Schule lief es nicht gut. Wir hatten sehr viele Freistunden. Meine Klassenkameraden waren um einiges jünger als ich. Zuhause war ich viel allein. Meine Gastgeschwister haben die meiste Zeit etwas mit Freunden unternommen.

Alle Austauschschüler und Gastfamilien haben Betreuer vor Ort. Wenn es Probleme gibt, dann versuchen alle gemeinsam, diese zu lösen. Zunächst wird in der Familie vermittelt. Wenn unüberwindbare Differenzen herrschen, dann kann man auch die Familie wechseln.

Und Carmela kam schließlich zu Ihnen?

Ich bin seit vielen Jahren Betreuerin bei der Austausch-Organisation Youth for Understanding. Dass Carmela zu uns kam, war nicht geplant, aber gewollt. Mit 16 Jahren habe ich über Youth for Understanding ein Austauschjahr in Amerika gemacht. Danach habe ich mich ehrenamtlich engagiert. Aber einen Austauschschüler hatten wir tatsächlich noch nie bei uns zu Hause. Carmela ist die erste.

Als Betreuerin kennen Sie die Probleme zwischen Gastschüler und Familie vermutlich ziemlich gut?

Häufig geht es um die Kommunikation. In Deutschland ist man es gewohnt, zum Beispiel direkt zu sagen: Das schmeckt mir nicht. Das ist in vielen anderen Ländern nicht so. Typische Konflikte gibt es beispielsweise auch bei Alltagsdingen wie der Hilfe im Haushalt. Gerade südamerikanische Familien haben für so etwas oft eine Kraft. Da ist es unüblich, dass die Mama oder der Papa putzt oder Wäsche macht.

Wie ist das bei Ihnen zu Hause, Frau Bertuna?

Wir haben eine Haushaltshilfe. Wir sind vier Kinder. Meine Geschwister sind 4, 13 und 16 Jahre alt. Meine Mama braucht eine Frau, die ihr beim Kochen und Putzen hilft.

Vermissen Sie Ihre Familie?

Der Abschied war für sie schwerer als für mich. Aber ich habe oft Kontakt. Sehr oft. Eigentlich täglich über WhatsApp.

Ist das Austauschjahr ein Traum, der für Sie in Erfüllung geht?

Ja. Ich reise sehr gerne und ich treffe gerne andere Leute. Ich bin ein offener Mensch und spreche gerne andere Sprachen.

Bei vielen Austauschschülern ist es so: Je mehr Zeit sie im Ausland verbringen, desto weniger wird der Kontakt in die Heimat und desto intensiver lassen sie sich auf die fremde Kultur ein.

Was ist für Sie besonders fremd hier?

(lacht) Alles. Vor allem das Essen. In Uruguay gibt es vier Mahlzeiten am Tag, die letzte um elf Uhr nachts. Hier isst man schon um 6 oder 7 zu Abend - und dann auch oft kalt. Außerdem finde ich hier alles sehr organisiert. Wenn man jemanden anruft und fragt: Hast Du nächste Woche Zeit? Dann heißt die Antwort: Warte, ich muss erst meinen Terminkalender checken. Man macht für alles eine Uhrzeit aus. Bei uns läuft das eher spontan.

Ich habe ihr gestern einen Kalender geschenkt. Sie sagte, das wäre ihr erster.

Ihre erste Gastfamilie lebte in Husum, Norddeutschland. War das noch einmal ein Kulturschock, nach Bayern zu kommen?

Meine Gastfamilie sagte: Bayern ist nicht Deutschland. Aber ich persönlich finde den Unterschied nicht so groß.

Fühlen Sie sich hier wohl?

Ja, sehr. Ich war in der elften Klasse im Erasmus-Gymnasium und habe dort schon Freundschaften geschlossen. Die Lehrer sind offen und kooperativ. Trotzdem war es anfangs auch hier schwer, da die Leute oft nicht mit mir, sondern über mich gesprochen haben. Wenn in Südamerika Austauschschüler zu Gast sind, stürzen sich alle auf sie und wollen mit ihnen etwas ausmachen. Hier musste ich auf die Leute zugehen. Wir sind eben total verschieden.

Für uns Deutsche ist es sehr schwierig, die Südamerikaner zu verstehen. Wir sind oftmals reserviert im Umgang mit Fremden, das macht es auch für Austauschschüler nicht leicht.

Jetzt sind erst einmal Ferien. Schon Pläne?

Ja, ich fliege nach Finnland. Dort besuche ich eine Austauschschülerin, die in meiner Familie ein Jahr lang zu Gast war. Sie ist wie eine Schwester für mich.
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