Der Krieg lebt weiter

Ein Zufallsfund von Daniel Hagn ist diese Postkarte aus dem Jahr 1916. Sie zeigt Soldaten des III. Bataillons des Landwehrinfanterieregiments 83 der württembergischen Armee vor der Kantine des Ruhelagers im Moreau-Tal. 2013 haben Schüler des BSZ Amberg mitgeholfen, diese Kantine nach Originalplänen zu restaurieren. Sie kann inzwischen von Besuchern besichtigt werden. Bild: hfz

Früher dachte Daniel Hagn, mit dem Argonnen-Projekt habe er sich den "falschen" Krieg ausgesucht, weil die Deutschen viel mehr auf den Zweiten Weltkrieg fixiert sind. Jetzt aber bietet ihm die Erinnerung an 1914 sogar die Chance, den französischen Staatspräsidenten zu treffen.

Hagn ist Lehrer am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) und hat vor fünf Jahren ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Amberger Schüler einmal jährlich in die Argonnen im Nordosten Frankreichs fahren, um dort einem einheimischen Verein bei der Restaurierung eines deutschen Ruhelagers aus dem Ersten Weltkrieg zu helfen. Dabei hat er festgestellt, dass die Erinnerung an den Kriegsausbruch vor 100 Jahren in Frankreich noch wesentlich lebendiger ist als in Deutschland.

Herr Hagn, in Deutschland ist zuletzt viel an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert worden. Sie haben gute Kontakte nach Frankreich. Da soll ja das Gedenken an den "Großen Krieg" noch einen höheren Stellenwert haben.

Hagn: Ja, der Erste Weltkrieg ist sehr stark im Gedächtnis der Franzosen verhaftet. Sie haben heuer sehr viele Gedenkveranstaltungen organisiert. Da stand vor allem Verdun im Blickpunkt. Man merkt tatsächlich, dass dieses Gedenken an den Krieg in Frankreich noch einen anderen Stellenwert hat als bei uns.

Woran liegt das?

Hagn: Die Kämpfe waren ja in Frankreich. Roger Berdold, der Vorsitzende unseres Partnervereins, hat das mal so formuliert: "Wir haben in den Argonnen mehr Gräber als Einwohner." Tatsächlich wird man in den Argonnen überall an den Krieg erinnert, da bleibt das natürlich länger im Gedächtnis. Viele Orte wurden evakuiert, die Häuser geräumt, das haben die Großeltern ihren Enkeln erzählt und die vergessen es nicht, weil sie heute noch dort leben.

Bei uns war es eher die Postkarte vom Großvater, die der Familie in der Heimat einen Eindruck verschafft hat, wie der Krieg an der Front wohl so ist.

Hagn: Ja, und in Frankreich konnte sogar die Großmutter dem Enkel erzählen: Hier hat die Granate eingeschlagen und alles zerstört. Jeder Einzelne hat das in seiner Familie weitergegeben. Nach dem Krieg konnten oft Felder nicht bewirtschaftet werden, weil dort Minen lagen. In manchen Orten war jahrzehntelang keine Landwirtschaft möglich.

Mit dem Argonnen-Projekt waren Sie heuer zum fünften Mal in Frankreich. Fand das dieses Mal von französischer Seite mehr Beachtung als früher?

Hagn: Die Aufmerksamkeit war schon immer gut, aber heuer haben wir ein verstärktes Medieninteresse festgestellt. Da wurde zweimal in der Zeitung drüber berichtet, dass junge Deutsche in den Argonnen sind und gemeinsam mit Franzosen Erinnerungsstätten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs restaurieren.

Macht es das "Jubiläum" 100 Jahre Erster Weltkrieg für Sie leichter, Geld für das Projekt aufzutreiben?

Hagn: Eigentlich nicht, das ist immer noch schwer.

Interessieren sich denn deutsche Politiker für das Projekt?

Hagn: Der Schnaittenbacher SPD-Landtagsabgeordnete Reinhold Strobl war heuer der erste, der sich die Zeit genommen hat, ins Moreau-Tal zu kommen. Das hat uns sehr gefreut, aber auch unsere französischen Freunde. Strobls Parteikollege, der Europaparlamentarier Ismail Ertug, kommt jedes Jahr zu uns in die Schule, um mit den Schülern über das Projekt zu diskutieren.

Sie könnten doch sicher weitere Politiker für Ihr Projekt gewinnen.

Hagn: Wir überlegen, für 2015 die deutsch-französischen Europapolitiker einzuladen, damit sie sich bei einer gemeinsamen deutsch-französischen Veranstaltung das Moreau-Tal anschauen können. Sie sollen sehen, welchen Beitrag der Verein und unsere Schüler geleistet haben, um dort quasi ein Freilichtmuseum entstehen zu lassen, in dem junge Menschen aus der ganzen Welt erfahren können, unter welch schwierigen Bedingungen Soldaten im Krieg leben mussten, wie schnell da etwa alle im Schlamm standen, wenn es regnete.

Schlamm war aber sicher nicht das einzige Problem.

Hagn: Nein, das ging noch wesentlich unappetitlicher. Im Lager kann man auch Bilder sehen, wie die Soldaten damals riesige fette Ratten gefangen haben, die sich dort rumtrieben. Das war ein gewaltiges Problem, dem man zeitweise gar nicht mehr Herr wurde. Auch Flöhe; deshalb gab es ja in jedem Ruhelager eine Entlausungsstation.

Lockt so etwas Besucher an?

Hagn: Seit fünf Jahren steigen zumindest die Besucherzahlen im Moreau-Tal kontinuierlich. Es kommen auch immer mehr Schulklassen, um sich das anzuschauen, natürlich in erster Linie französische, aber auch einige deutsche.

Wieso steht eigentlich erst 2015 das Gedenken an 100 Jahre Erster Weltkrieg in den Argonnen an? Da müssen doch auch 1914 schon Kämpfe gewesen sein.

Hagn: Das stimmt, die Deutschen hatten die Argonnen 1914 schon so gut wie komplett erobert. Aber sie haben sich dann wieder zurückgezogen, weil sie nicht genug Nachschub an die Front brachten. Dadurch konnten die Franzosen den Argonner Wald wieder besetzen.

Und was geschah 1915?

Hagn: Da wollten die Deutschen die Argonnen wieder erobern, weil sie hofften, dadurch Verdun umfassen und abschneiden zu können. Sie haben 1915 versucht, in den Argonnen vorzudringen, was aber nicht geklappt hat. Der Argonner Wald war ja mehr eine Landschaft aus Gestrüpp und Dornen. Sie sind einfach nicht durchgekommen. Die Franzosen haben sich dort verschanzt und mehrere Anläufe der Deutschen sind gescheitert. Danach haben sie sich damit zufriedengegeben, die Höhenketten zu erobern und sind zum Stellungskrieg übergegangen. Der war in den Argonnen ab Ende 1915.

Was bedeutet das: Stellungskrieg?

Hagn: In dem speziellen Fall: unterirdischer Krieg, Minenkrieg. Ein Beispiel dafür ist die Ortschaft Vauquois, die im Krieg komplett zerstört wurde. Aber darunter verlaufen 30 Kilometer unterirdische Stollen; da unten waren ganze Städte, in denen über 2000 Soldaten Platz hatten. Man hat versucht, sich durch Sprengungen gegenseitig in die Luft zu jagen und so durchzubrechen.

Und was ist 2015 zum Gedenken an 100 Jahre Krieg in den Argonnen geplant?

Hagn: Sehr viele Gedenkveranstaltungen. Die Vereine in den Argonnen haben sich zu einer Dachorganisation zusammengeschlossen, um Veranstaltungen vorzubereiten. Wir sind da auch einbezogen. Ich werde laufend gefragt: Ist es möglich, dass sich die Amberger in diese Gedenkveranstaltungen oder in eine große Gedenkfeier mit einbringen?

Ist das die Gedenkfeier, zu der Staatspräsident François Hollande eingeladen wurde?

Hagn: Ja, eine gemeinsame Erinnerungsveranstaltung mit Franzosen und Deutschen, zu der das Dachkomitee den Staatspräsidenten eingeladen hat.

Besteht denn eine realistische Chance, dass er auch kommt?

Hagn: Laut unseren Freunden in Frankreich ist das realistisch, ja.

Vielleicht auch, weil es gar nicht so viele Projekte wie Ihres gibt: Eine Verständigung von Franzosen und jungen Deutschen auf einer ganz unkomplizierten Ebene?

Hagn: Ja, das könnte schon eine Rolle spielen.
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