Der Tod des einfachen Mannes

Die Region nördlich von Arras, in der Clemens Müller die letzten drei Monate seines Lebens als Frontsoldat verbracht hat. Die Karte zeigt den Frontverlauf im Mai 1915, weil zu diesem Zeitpunkt hier eine größere Schlacht geschlagen wurde. Viele Soldaten aus dem Amberger 6. Infanterie-Regiment sind ebenfalls hier gefallen, weil die Einheit ab 1916 mehrmals an diesem hart umkämpften Frontabschnitt eingesetzt war. Heute gibt es in dieser Region viele Soldatenfriedhöfe. Repro: Huber

Der Bataillonskommandeur, der nach einer Verwundung als Einarmiger zu seiner Truppe zurückkehrt und ihr beim Sturmangriff vorauseilt. Der Unteroffizier, der alleine im Niemandsland eine dreiköpfige feindliche Patrouille gefangen nimmt - ob das der wirkliche Erste Weltkrieg war?

Lange Zeit dominierten Heldengeschichten die Erzählungen von diesem Krieg. Und jeder Gefallene war einen "Heldentod" gestorben. In Wirklichkeit war der Krieg für die einfachen Soldaten unendlich bitter, eine Orgie aus Schlamm, Blut und Entbehrungen. Und das Sterben vollkommen unheroisch. Wie bei Clemens Müller - meinem Urgroßvater, der vor 100 Jahren gefallen ist.

Der Anfang der Geschichte

Seine erste Begegnung mit Amberg ist zweifellos ein Kulturschock für Clemens Müller. Er kommt aus Thurndorf, einem Ort mit weniger als 300 Einwohnern im Bezirksamt (Landkreis) Eschenbach. Jetzt führt der Wehrdienst den 20-Jährigen in die große Stadt.

Am 26. Oktober 1899 tritt er beim 6. bayerischen Infanterie-Regiment in Amberg an, kommt dort in die 9. Kompanie. Sein Soldbuch gibt den Beruf von Karl Clemens Müller mit Dienstknecht an. Die Personal-Beschreibung verrät noch mehr (das Hauptwort ist jeweils vorgedruckt, die Beschreibung per Hand eingefügt): "Gestalt schlank, Kinn oval, Nase spitzig, Mund gewöhnlich, Haar blond, Bart Schnurren, besondere Kennzeichen: Narbe am rechten Handrücken". Die Größe von 1,67 Meter dürfte in keiner Richtung auffällig gewesen sein. Aus dieser Zeit gibt es Briefe von Rekruten, die nach Hause schreiben, dass sie mit 1,72 Meter der Größte in ihrer Kompanie sind.

Mit einem Monatssold von 6,60 Mark, vermutlich viel Heimweh und womöglich einiger Ablenkung in Amberg bringt Clemens Müller seine zwei Jahre in der Armee rum, wird im September 1901 als "Gemeiner" entlassen.

Zurück in seinem Geburtsort heiratet er im Oktober 1902 die Thurndorferin Christine Höllerl, die ziemlich genau ein halbes Jahr jünger ist als er. Sie bekommen sechs Kinder. Das älteste, Friedrich (mein Großvater), kommt im Juli 1903 auf die Welt, das jüngste, Rosa, an Neujahr 1914.

Der Krieg beginnt

Als der Krieg ausbricht, dürfte Clemens Müller klar sein, dass er einberufen wird, auch wenn er schon mehrere Jahre keine Militärübungen mehr geleistet hat (siehe "Wehrdienst"). Die kleine Landwirtschaft, die er inzwischen von seinen Eltern übernommen hat, ist ebenso wenig ein Hinderungsgrund wie die sechs minderjährigen Kinder. Es sind sogar Fälle überliefert, in denen der Vater und mehrere Söhne zugleich eingezogen wurden.

Kriegsbegeisterung allerdings verspürt der 35-Jährige sicher nicht. Die Überzeugung, als Deutscher in einen gerechten Krieg zu ziehen, der dem Reich von "einer Welt von Feinden" (Kaiser Wilhelm am 6. August 1914) aufgezwungen wird, die durchdringt fast alle. Aber die Landbevölkerung steht noch mitten in der Erntezeit, sie weiß, dass auf einem Bauernhof immer viel Arbeit anfällt, und fragt sich, wer die wohl leisten soll, wenn die Männer im Krieg sind. Mit Hurra in den Krieg ziehen, das machen eher das Bürgertum oder die Akademiker, die eine nationalistische Presse mit Chauvinismus und Siegeszuversicht vollgepumpt hat. Wer bis Weihnachten alle Feinde niederschlagen will, darf da schon fast als Zauderer gelten; andere möchten bereits zum Oktoberfest wieder daheim sein.

Clemens Müller rückt am 6. August ein, aber es kommt nicht zum Wiedersehen mit Amberg, das sein Reservistenbild versprach, sondern es geht nach Bayreuth, das näher an Thurndorf liegt und leichter zu erreichen ist. Das 7. Infanterie-Regiment ist seine neue Einheit. Doch es fährt am 8. August an die französische Grenze.

Die Landwehrleute bleiben zurück, sie müssen wohl erst wieder ausgebildet und gedrillt werden, um fronttauglich zu sein. So dürfte sich am 6. Oktober auch die Versetzung von Clemens Müller zum 6. Landwehr-Infanterie-Regiment - es wird ebenfalls in Bayreuth aufgestellt - erklären. Erst am 29. November geht es ins Feld, zum Reserve-Infanterie-Regiment 7, zusammengewürfelt aus Soldaten, die in Bayreuth, Weiden und Hof eingezogen wurden.

Die Front

Das R.I.R. 7 befindet sich in Nordfrankreich, bei der Stadt Arras, in der Nähe der Grenze zum belgischen Flandern, längst im Stellungskrieg. In den Gräben gegenüber liegen französische Alpenjäger, deren gefürchtete Scharfschützen den Bayern auch bei ansonsten geringer Gefechtstätigkeit regelmäßig Verluste beibringen.

Für Probleme sorgt zudem der ständige Regen, der immer wieder Grabenteile zum Einsturz bringt und ständige Schanzarbeiten nötig macht. "Dabei nehmen alle Kleidungsstücke einen dicken lehmigen Überzug an, den sie nicht mehr verlieren, und die Stiefel können nur mehr mit Seitengewehr oder Schanzzeug gereinigt werden", heißt es in der offiziellen Regimentsgeschichte.

Und weiter: "Beim Schanzen stößt man immer wieder auf einzelne nur notdürftig bestattete Deutsche oder Franzosen, da die Gefechtslage damals es nicht erlaubt hat, sie zurückzuschaffen und in Friedhöfen beizusetzen." Für Anfang Dezember vermeldet der Verfasser, Otto Schaidler: "Alles ist ewig feucht, auch in den noch sehr primitiven Unterschlupfen ist kein trockenes Eckchen."

Die ersten Kämpfe

Clemens Müller ist aus der Heimat sicher anderes gewohnt, muss sich aber schnell mit den Gegebenheiten an der Front anfreunden, denn sofort greift seine 7. Kompanie in die Kämpfe um Maison blanche und Ecurie ein. Am 10. Dezember bekommt die Einheit vier Tage Pause, doch schon am 14. wird sie in die "Dezemberschlacht in französisch Flandern" (so nennt es später die Kriegsgeschichtsschreibung) geworfen. Das schwere Artilleriefeuer und die wenig erfolgreichen Angriffe der französischen Soldaten spielen sich vor allem um Carency und Givenchy ab.

Erst an Weihnachten entspannt sich die Gefechtslage wieder, doch Anfang Januar sind über 400 Soldaten des beim Ausmarsch gut 3000 Mann zählenden Regiments wegen Erkältungskrankheiten und Fieber nicht einsatzfähig. Für Clemens Müller bringen diese Tage ebenfalls eine Pause von den Kampfeinsätzen, wenn auch der ständige Artilleriebeschuss der deutschen Stellungen immer wieder Tote fordert.

Vom 4. bis zum 21. Januar nimmt der Thurndorfer laut den Einträgen in seiner Kriegsstammrolle an den Gefechten bei Ecurie sowie um die Lorettohöhe beim Dorf Ablain teil. Der Februar ist an diesem Frontabschnitt ruhiger, die Soldaten arbeiten bei allmählich besserem Wetter vor allem an ihren Stellungen, lediglich vom 17. bis 19. ist für Clemens Müller ein Kampfeinsatz bei Roclincourt verzeichnet.

Gut möglich, dass er am 7. Februar als Teil des Spalier stehenden II. Bataillons den bayerischen König Ludwig III. zu Gesicht bekommt, der im Schlosshof von Mericourt Teile des Regiments besichtigt. "Der König geht die Fronten der aufgestellten Truppen ab, unterhält sich mit zahlreichen Leuten in seiner leutseligen Art und erkundet sich nach ihrem Wohl und Wehe im Feld und zu Haus", berichtet Otto Schaidler in der Regimentschronik über diesen Besuch.

Der Tod

Doch dann kommt der Tag, an dem laut Schaidler "überhaupt die Hölle entfesselt zu sein (scheint)", der 24. Februar: "In der Frühe ... machen feindliche Infanterie M. G. [Maschinengewehre] und Artillerie einen heftigen Feuerüberfall auf das II. Batl., dessen Stellung schwer beschädigt wird; alle Unterstände werden eingeschossen. Der Zug Lorenz der 7. Komp. im Graben 22 b wird besonders hart mitgenommen, er allein hat eine Einbuße von 6 Toten und 12 Verwundeten."

Einer der Toten: Clemens Müller. Die Kriegsstammrolle vermerkt zu den Umständen seines Todes, er sei um 5.30 Uhr im Schützengraben bei Carency durch eine Granate gefallen. Dieser Eintrag dürfte bedeuten, dass er von der Granate zerfetzt wurde, da in anderen Fällen von Granatsplittern als Todesursache die Rede ist. Mein Urgroßvater starb den unauffälligen Tod eines einfachen Mannes und Soldaten, an einem Tag, der dem Großen Hauptquartier für den westlichen Kriegsschauplatz nur einen Eintrag über erbitterte Nahkämpfe in der Champagne und deutsche Vorstöße in den Vogesen wert war - "sonst nichts Wesentliches".

Was bleibt

Ein eifriger Vorgesetzter hat akribisch notiert, was Clemens Müller in seiner letzten Stunde bei sich hatte: "1 Ledertasche mit Notizbuch, Gebetbuch, 1 Taschenmesser, 1 Brustbeutel, 1 Taschenuhr m. Kette, 1 Geldbeutel mit 1 Schein zu 5 M, 1 Schein zu 2 M, 64 Pfennig in Nickel und Kupfer, 1 Rosenkranz". Das Gebetbuch gehörte zur Standardausrüstung der deutschen Soldaten, aber dass Clemens Müller einen Rosenkranz bei sich hatte, spricht für seine Frömmigkeit. Wie oft mag er in den schweren Stunden unter Artilleriebeschuss oder vor dem Sturmangriff zu Gott gebetet haben, diesen Krieg zu überleben und wieder zu seiner Familie heimzukehren?

Was zu seiner Frau Christine kam, war aber lediglich die Nachricht vom "Heldentod fürs Vaterland", noch dazu mit einer falschen Angabe, wo der Ehemann gestorben war: in der Champagne. Carency liegt im Artois, viel weiter nördlich. So etwas findet man 100 Jahre später heraus, aber für das Wesentliche ist es natürlich vollkommen ohne Belang: Eine Frau hatte ihren Mann verloren, sechs junge Kinder ihren Vater. Christine Müller heiratete nicht mehr, sie zog ihre Kinder alleine groß. Zum Ertrag der kleinen Landwirtschaft verdiente sich die "Streber-Mutter" (so der Hausname) etwas dazu, indem sie Näharbeiten erledigte.

Nach 100 Jahren ganz nah

100 Jahre, das klingt heute nach einer kleinen Ewigkeit, nach einem Fall für die Geschichtsschreibung über längst vergessene Zeiten. Aber eigentlich bedeutet es, dass es für die heute Lebenden noch eine Brücke in das Jahr 1915 gibt: die Zeitgenossenschaft. Die Lebensspannen von meiner Urgroßmutter Christine und mir (ich bin Jahrgang 1967) haben sich noch um knapp drei Jahre überschnitten. Wäre mein Urgroßvater nicht im Ersten Weltkrieg gefallen, hätte ich also auch ihn noch erleben können. So aber haben erst ein "Ehrenblatt" anlässlich seines Todes, das sich in meiner Familie erhalten hat, und die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg, dessen Ausbruch sich zum 100. Mal jährte, dazu geführt, dass ich mich näher für ihn interessiert habe.

Für seine uneheliche Geburt 1879 als "Karl Clement (!) Schnödt", weil seine Eltern erst 1884 genug gespart hatten, um sich ein kleines Haus kaufen und heiraten zu können. Für sein Leben, das eher im Dunkeln bleibt, weil sich kaum Dokumente erhalten haben. Und für sein Sterben, zu dem die Militärbürokratie wieder Daten liefert. Natürlich hätte ich auch gerne gewusst, wo er begraben ist. Doch auch das ausführlichste Verzeichnis dazu, die Kriegsgräberdatenbank des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, kann keine Daten dazu liefern. Wo auch immer er seine letzte Ruhestätte gefunden hat - möge er in Frieden ruhen.
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