Der Tod kommt aus der Luft

Stadtbrandrat Bernhard Strobl (am Rednerpult) erinnerte am Gedenkstein vor der Leopoldkaserne vor 170 Wehrleuten und den fünf Fahnenabordnungen der Amberger Wehr an die Kameraden, die am 9. April 1945 und später in Ausübung ihres Dienstes starben. Bilder: Steinbacher (4)

9. April 1945, 9 Uhr, Fliegeralarm in Amberg. 90 US-Flugzeuge greifen an. Sie legen einen Bombenteppich auf das Heereszeugamt. Und ein Löschtrupp der Feuerwehr fährt mitten in die Angriffswelle hinein.

Das Szenario, das Stadtbrandrat Bernhard Strobl am Donnerstag bei der Gedenkfeier schilderte, wird noch beklemmender, wenn man weiß, dass der Löschtrupp neben Hauptwachtmeister Johann Pielenhofer und Fahrer Josef Birner nur aus zehn halbwüchsigen HJ-Helfern bestand, die Dienst taten, weil die älteren Feuerwehrleute im Krieg waren. Als sie die Flugzeuge auf sich zukommen sehen, versuchen sie in Deckung zu gelangen. Doch es hilft nichts, Pielenhofer und sechs der Burschen sterben. Drei Tage dauert es, bis alle verschütteten Toten geborgen sind. Die Beerdigung am 14. April wird abgebrochen, weil wieder US-Bomber angreifen.

Zwei Zeitzeugen erzählen

Für OB Michael Cerny sind die Opfer "Symbol für viele junge Leute, die im Krieg ihr Leben lassen mussten". Zusammen mit Strobl legte er einen Kranz am Gedenkstein nieder. "Ich hatte einen Kameraden" spielte die Musikkapelle Ursensollen dazu.

Einer, der mit in dem Löschauto saß, das die Wucht der Bomben aufs Dach warf, lebt noch: Bruno Birner (86). "Ein paar Rippenbrüche, ein paar Splitter" habe er abbekommen. "Nichts Schlimmes." Sein Vater befreite den halb Verschütteten, der danach zu Fuß heimging. Erst langsam wurde ihm sein Glück klar: "Früher habe ich am 9. April meinen zweiten Geburtstag gefeiert."

Bruno Birners Vater Josef, der am 9. April 1945 das Löschauto steuerte, war Feuerwehrhauswärter und Fahrer des OB. "Ich bin in der alten Feuerwache aufgewachsen", erklärt Bruno Birner, warum er bereits mit 13 Jahren offiziell in die Wehr aufgenommen wurde. Die Frage, wie lange er Feuerwehrmann gewesen sei, ist für ihn falsch gestellt: "Feuerwehrmann bin ich heute noch." Von 1964 bis zu seinem Ruhestand 1992 war er es hauptamtlich. Er hat dabei viel gesehen, doch das Geschehen des Unglückstages lässt ihn bis heute nicht los: "Wenn ich nachts einen Traum habe, sind immer Flieger dabei."

Noch ein anderer Zeitzeuge ist zu der Gedenkfeier gekommen, aus Nürnberg angereist: Erich Kaindl, Jahrgang 1929. Er saß in dem Mannschaftswagen, der nach dem Ende des Fliegerangriffs zur Kaserne fuhr und die Opfer barg. "Dort hat alles gebrannt", sagt Kaindl. "Es war ein Chaos." Zusammen mit drei anderen habe er Johann Pielenhofer bei den Schrebergärten gefunden.

Vom Schicksal verschont

Kaindls Familie war 1943 in Nürnberg ausgebombt worden und deshalb nach Amberg gezogen. Er selbst lernte hier bei der Volksbank. Im September 1945 ging die Familie wieder nach Nürnberg zurück. Erich Kaindl arbeitete später als selbstständiger Kaufmann. Seine Frau Elisabeth ist es, die erzählt, wie das Schicksal Kaindl am 9. April 1945 verschont hat: Als er wegen des einsetzenden Fliegeralarms schon aus der Volksbank laufen wollte, um zu Hause seine Feuerwehrausrüstung zu holen und zur Feuerwache zu eilen, hielt ihn der Direktor auf und ließ ihn alle Kontokästen in den Keller tragen.

Dadurch konnte er sich erst so spät auf den Weg machen, dass bereits die Bomben fielen, als er die Feuerwache ansteuerte. Beim Stadttheater zog ihn deshalb ein Luftschutzwart in einen Felsenkeller und ließ ihn nicht mehr raus, bis der Angriff vorüber war. "Dadurch war mein Mann nicht in dem ersten Auto, das getroffen wurde", sagt Elisabeth Kaindl. "Etwas hat ihn davon abgehalten."
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