Der zurechtgerückte Himmel

Karl-Dieter Grüske. Bild: wsb

Gut, dass es den Urknall gibt. Damit hat das Universum seinen Anfangspunkt, an dem eine Messlatte angelegt werden kann. Überschreitet sie ein paar Tausend Lichtjahre, ist es bis zur Unendlichkeit nicht mehr weit.

Mögen es auch die 36. Erlangener Universitätstage in Amberg sein, so sind sie vom Status der Unendlichkeit - heuer Thema der Vortragsreihe - noch weit, weit entfernt. Was Weite in seiner unvorstellbaren Dimension bedeutet, das umriss Prof. Dr. Jörn Wilms zum Auftakt unter dem Titel "Das Unendliche und das Universum".

Der Blick des Astrophysikers in die Fernen des Alls sprengt mannigfaltig übliche Größenordnungen von Zeit und Raum, bis er dort angekommen zu scheint, wo beides wieder miteinander verschmilzt. Dann mag der Wissenschaftler zwar recht nahe an der Unendlichkeit dran sein, per Definition geht es aber natürlich immer weiter. Mit einer Prise Selbstironie fällt es Wilms nicht schwer, seinen Zuhörern - der historische Rathaussaal war voll besetzt - Unvorstellbares nahe zu bringen.

Doch eben diese die Grenzen des Üblichen überschreitenden Dimensionen sind letztendlich nichts anderes als die naturwissenschaftliche Konsequenz aus Beobachtetem. So hat auch die Astronomie bei den Babyloniern (1900 bis 550 v. Chr.) ihren Anfang genommen. Himmelsbetrachtungen ergaben, dass bestimmte Sonnen-, Mond-, Planeten- und Sternbild-Konstellationen immer wiederkehren. Auch über relativ lange Zeiträume hinweg. Den Babyloniern hatten es unter anderem besonders Sonnenfinsternisse angetan. Ihr astronomischer Ehrgeiz zielte darauf ab, die Wiederkehr von Himmelskonstellationen vorauszusagen. Damit kam die Mathematik ins Spiel.

Hatten es die frühen Hochkulturen etwa auch bei den Ägyptern und Griechen auf diesem Gebiet bereits zu einer relativ hohen Treffergenauigkeit bei astronomischen Vorhersagen gebracht, war noch ein weiterer Schritt nötig, den Himmel zurechtzurücken. Der Übergang vom geo- zum heliozentrischen Verständnis des Planetensystems, von dem aus wir in das Universum hinausschauen. Mit Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) schien dieser Durchbruch geschafft.

Damit war Wilms gewissermaßen in die Verlegenheit der Veranschaulichung der Dimensionen geraten, mit denen er sich unter anderem als Spezialist für die berühmten kosmischen Schwarzen Löcher beschäftigt. Kurzerhand erklärte er einen Apfel in seiner Hand zur Erde. Für diesen Größenvergleich ist wichtig, dass die Erde mit einem mittleren Radius von 6375 Kilometern veranschlagt wird. Daraus ergibt sich eine Entfernung vom Apfel zur Sonne von 10,7 Metern, zum Neptun als äußerstem Planeten unseres Sonnensystems von 320 Metern und 1,3 Kilometern zu Voyager I. Diese Weltraumsonde ist der momentan am weitesten von der Erde entfernte Beobachtungsposten, auf den Astronomen Zugriff haben. Ein Funksignal dorthin ist 18 Stunden unterwegs.

Da geht aber schon noch ein bisschen mehr: Alpha-Centauri etwa, das uns naheste fremde Sternensystem, ist vor dem Hintergrund des Apfel-Vergleichs rund 2600 Kilometer von Amberg entfernt. Das wäre die Luftlinie nach Reykjavik. Das nächste galaktische Zentrum liegt laut Wilms Apfelmodell 18 Millionen Kilometer entfernt. Wie all diese Dinge zusammenpassen, erklärt der Astrophysiker recht alltagspraktisch: Das Universum solle man sich so vorstellen wie Badeschaum, dessen einzelne Bläschen nach außen hin immer schneller werden.
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