Diagnose Down-Syndrom: Viele Schwangere müssen sich mit Thema der Abtreibung auseinandersetzen
Entscheidung fürs Leben - oder dagegen

Der Wunsch nach einem gesunden Kind ist vor allem bei wenigen Nachkommen mehr als verständlich.
Gisbert Gotz (55) hat "unübertroffene Herzlichkeit" kennengelernt. Gefunden hat er sie bei Menschen mit Down-Syndrom. Sein Sohn Michael (28) leidet unter der Chromosomenstörung. Als seine mittlerweile verstorbene Frau schwanger war, deutete nichts darauf hin und der 55-Jährige bekennt, dass es nach der Geburt ein Schock gewesen sei. Heute sagt der Bodenwöhrer: "Ich bin dankbar, dass ich diese Welt kennengelernt habe." Selbst wenn er vor der Geburt gewusst hätte, dass sein Sohn das Down-Syndrom hat, hätten sich er und seine Frau damals gegen eine Abtreibung entschieden.

Kein unbedarfter Umgang

Damit zählt der Bodenwöhrer allerdings zur Minderheit. Denn laut Ärzteblatt und anderen Medienberichten entscheiden sich in solchen Situationen rund 90 Prozent der Betroffenen für einen Schwangerschaftsabbruch. Die Wahrscheinlichkeit einer Chromosomenstörung beim Nachwuchs lässt sich heute relativ einfach feststellen.

Eine Nackenfaltenuntersuchung zwischen der 11. und 13. Schwangerschaftswoche gibt unter anderem darüber Aufschluss, ob das Kind (wahrscheinlich) das Down-Syndrom hat. Zwar dauert der Test nur 20 Minuten, manövriert die Betroffenen aber oft in ein moralisches Dilemma. Da verwundert es nicht, dass Dr. Tobias Riedl sagt: "Ich hatte schon oft ganz tragische Gespräche, bei denen die Tränen flossen." Ein Schwangerschaftsabbruch hat dem Amberger Arzt zufolge meist zwei Gründe. Entweder eine Fehlbildung oder eine Konfliktsituation - etwa in Fällen häuslicher Gewalt oder bei wirtschaftlichen Notfällen. Mit solchen Situationen sieht sich Riedl nach eigener Schätzung rund 15-mal jährlich konfrontiert. Fehlbildungen hingegen seien selten: "Vielleicht zweimal im Jahr." Prinzipiell plädiert der 41-Jährige dafür, die Sache von der positiven Seite zu betrachten: "98 Prozent der Kinder fehlt überhaupt nichts." Die Statistik besagt, dass bei zwei Prozent eine sogenannte schwere Fehlbildung festgestellt wird, die eine relevante Beeinträchtigung der Gesundheit des Kindes darstellt. Konkret heißt das: "Eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist relativ leicht zu behandeln." Ein schwerer Herzfehler sei eine ganz andere Problematik.

Chromosomenstörungen seien noch seltener. Das Down-Syndrom (Trisomie 21) tritt beispielsweise bei 0,2 Prozent aller Schwangerschaften auf. Je älter die schwangere Mutter ist, desto mehr erhöht sich das Risiko, dass sie ein Kind mit dem Down-Syndrom zur Welt bringt. Bei einer 20-Jährigen liegt das Risiko bei 1 zu 983, bei einer 42-Jährigen schon bei 1 zu 62. Das ist signifikant und Riedl betont: "Die Frauen werden immer später schwanger."

Viele Frauen lassen frühzeitig abchecken, ob ihr Kind mit einer Krankheit zur Welt kommt. Der Frauenarzt warnt allerdings: "Die Tests dürfen nicht unkritisch eingesetzt werden." Deshalb stellt der Mediziner seinen Patientinnen schon vorab die Frage, was sie bei einem positiven Ergebnis machen würden. Also wenn beim Kind beispielsweise das Down-Syndrom festgestellt wird. Einen Rat für oder gegen Abbruch gibt Riedl nicht. Er stellt die Diagnose und klärt auf. Deshalb will er auch nicht "die große moralische Keule" schwingen. Er sagt aber: "Der Wunsch nach einem gesunden Kind ist vor allem bei wenigen Nachkommen mehr als verständlich." Ist das nicht der Fall, tauche vor allem eine Frage bei den Eltern auf: "Kann mein Kind später einmal für sich selbst sorgen?" Diese "Hauptsorge" trete vor allem bei Schwangeren auf, die 40 Jahre oder älter sind.

Dennoch, die Diagnose einer Fehlbildung manövriert die Betroffenen oft in eine Zwickmühle. Hilde Forst, Leiterin der Amberger Donum-Vitae-Beratungsstelle, bestätigt im Grunde Riedls Tehsen: "Ein Schwangerschaftsabbruch wird nicht leicht genommen." Letztendlich müsse aber jede Frau selbst wissen, was sie wolle.

Keine Gesundheitsgarantie

"Die meisten wollen vor allem eines", verrät Forst, "die Bestätigung, dass das Kind gesund ist." Die Frauen rechnen selten ernsthaft damit, dass es zu größeren Komplikationen kommen könnte. Deshalb sei es wichtig, sich vorher darüber Gedanken zu machen, was im Falle einer Krankheit, Behinderung oder Fehlbildung zu tun sei. Auch die Donum-Vitae-Leiterin nimmt den Frauen die Entscheidung nicht ab: "Ich würde nie sagen, Sie müssen das Kind bekommen." Das sei nicht ihre Aufgabe. Sehr wohl könne sie aber aufklären, für finanzielle Hilfe oder ein Betreuungsangebot sorgen.

Noch weniger lässt sich mit so einer Diagnose bewerten, welche Lebensqualität ein Kind einmal hat. Michael Gotz jedenfalls strahlte trotz Down-Syndroms genauso oft wie seine Altersgenossen.
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