Die EU, mein Bäcker und unser aller Hemdchen

Derf's a Tüt'n sein? Natürlich! Oder soll ich meine Einkäufe in den Händen - davon hab ich nur zwei - nach Hause tragen?! Jetzt will mir die EU einen Strich durch die Rechnung machen - sie will mir die Tüten verbieten. Aber nicht alle, sondern nur gewisse. Die robusten Mehrfachtüten nicht. Auch nicht die kleinen durchsichtigen, in die ich im Supermarkt mein Obst einpacke. Aha, leuchtet ein. Schließlich wird die Verkäuferin nicht erfreut sein, wenn ich Himbeeren in der Hand zur Kasse balanciere und diese Früchtchen einzeln auf dem Band umherkullern, ehe sie sich dem Scanner nähern. Nur: Welche Tüten meint verdammt noch mal jetzt die EU?

Ein Anruf bei Alfred Schuller, Obermeister der Bäckerinnung, bringt Klarheit. Es könnten Hemdchen sein? Wie bitte, was ist das denn? Nie gehört! Sie vielleicht? "Das sind Tüten, die schauen aus wie Unterhemden", erklärt der Bäcker. Ich staune Bauklötze, Unterhemden als Tüten übersteigt gerade meine Vorstellungskraft. Schuller muss es wissen, denn diese gibt er mitunter in seinem Geschäft aus. Wenn eine Kundin wie ich kommt. Er rechnet mir vor, was ich kaufen könnte: zehn gemischte Semmeln (kommen alle in eine Papiertüte), drei Butterbrezen (kommen in eine weitere Papiertüte), fünf Stück Gebäck (siehe oben) und eine Auswahl an Kuchen und Torten (auf einem Papptablett und in Papier eingewickelt). Um das zum Auto zu transportieren, brauche ich eine Tüte, genauer gesagt eine Hemdtüte - für die Semmeln, die Butterbrezen und das Gebäck, das Kuchentablett balanciere ich in der anderen Hand.

Ich verstehe - hab ich doch schon hundert Mal erlebt. Wer dann noch mit einem Finger die Fernbedienung fürs Auto betätigen kann - und zwar so, dass der Schlüsselbund in der Hand nicht runterfällt, der Wagen aufsperrt und der Kuchen nicht auf dem Asphalt landet -, ist eh Profi! Bäcker Schuller sieht dem Kampf der EU gegen die Hemdchen gelassen entgegen. "Dann lassen's wir halt weg", sagt er leidenschaftslos.

Moment mal, sagte er Hemdchen? Kommt ja gar nicht in die Tüte! Das ist nicht geschlechtsneutral. Hemd suggeriert eine männliche Form. Blusentüte? Oder Hemdblusen-Tüte? Ach nein: Schwamm drüber, jetzt wo die EU mir die Tüten, die mir der Bäcker, Metzger und Obsthändler gratis ausgibt, wegnehmen will, erübrigt sich jede Gender-Neutralität.
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