Die Heizöl-Goaßmass

Symbolbild: dpa

Der Nikolaus war es nicht. Das Christkind auch nicht. Also muss es der Osterhase gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft hat jedoch jemand ganz anderen in Verdacht, dass er ein ungenießbares Getränk kreisen ließ.

Nämlich genau den jungen Mann (20), der zusammen mit seinem Bruder (19) und einem Kumpel (18) seit Montag wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung im Amtsgericht auf der Anklagebank sitzt. Am Mittwochnachmittag waren die beiden Mitbeschuldigten vom Jugendschöffengericht unter dem Vorsitz von Peter Jung allerdings beurlaubt worden.

Bei dieser Tat waren sie nicht oder nur als möglicher Zeuge ganz am Rande mit von der Partie, die wohl ein Scherz hätte sein sollen: Februar 2014, Faschings-Party in einem kleinen Dorf im westlichen Landkreis. Auch vor dem Gemeinschaftshaus, in dem es hoch herging, standen junge Leute rund um eine Feuerschale. Es war viel Bewegung drin in dieser Nacht. Deshalb kam dort ein paar Mal auch ein junger Schichtarbeiter (19) vorbei. Wenig später wurde er zum Opfer. "Bei uns im Eck ist das halt so", kommentierte er die Geste, dass ihm bei einer dieser Gelegenheiten vom Angeklagten ein vielleicht dreiviertel voller, gläserner Maßkrug hingehalten worden sei mit der Aufforderung: "Da, trink mal, das ist eine Goaßmass, die schmeckt aber ein bisschen komisch." (Für Unkundige: Eine Goaßmass ist ein süffiges Mischgetränk aus Cola, Weizenbier und Kirschlikör.)

Kräftig angezogen

Der 19-Jährige zögerte nicht, griff arglos zu und nahm bis zu vier kräftige Schlucke, so schätzte er als Zeuge. Noch im Trinken sei ihm plötzlich der Glaskrug aus der Hand gerissen worden, und genau in diesem Augenblick habe er gemerkt, dass es ihm den Magen hebe. Gleich abseits im Gebüsch sei ihm beim mehrfachen Übergeben eine Bekannte behilflich gewesen. Er habe sich dann gleich nach Hause bringen lassen.

Osterhasen gesucht

Am nächsten Morgen: Speiübel sei ihm gewesen, Magenkrämpfe und den ständigen Geschmack "einer Tankstelle" im Mund. Der 19-Jährige ging ins Krankenhaus und verbrachte dort, an einer Infusion hängend, einen Tag. Unverzüglich machte er sich per Smartphone und Social Media auf die Suche, nach dem, der ihm die Heizöl-Goaßmass untergejubelt hatte, und kündigte an, ihn anzuzeigen. Damit waren der Angeklagte und der Osterhase im Spiel.

Für das Opfer war klar, dass ihm der Maßkrug mit dem ungenießbaren Inhalt von dem 20-Jährigen angeboten wurde. Doch der beteuerte sofort, selbst hereingelegt worden zu sein. Schließlich habe auch er einen Schluck genommen, ihm sei ebenso übel, beteuerte er und benannte einen potenziellen Täter: einen Unbekannten in einem weißen Hasenkostüm. Die sofort eingeleitete Facebook-Fahndung des Bekanntenkreises des Opfers nach diesem ominösen Übeltäter blieb jedoch ohne Erfolg. Ein Verdächtiger schied aus, er war als Frau verkleidet gewesen. Nur ein Zeuge will auf dieser Faschingsparty Hasen gesehen haben, sogar mehrere. Weiße, braune, rosarote.

Wo sie ihr Nest haben könnten, das legt die mehr als zähe Aussage einer jungen Frau nahe, die direkt am Geschehen dran war. Sie stand einst in der Runde, in der die Goaßmass kreiste und sogar für Stichflammen-Spiele mit der Feuerschale gesorgt haben soll. Genervt von den ausweichenden Antworten der Zeugin, kitzelte Staatsanwältin Dr. Isabell Ruppert hartnäckig nachsetzend aus der Jugendlichen heraus, dass der Angeklagte ihr zu verstehen gegeben habe, dem Gericht etwas vom Osterhasen zu erzählen. Ob es ihn nun gibt oder nicht, wird sich einen Tag, nachdem der Nikolaus gekommen ist, herausstellen. Der Prozess geht am Montag, 7. Dezember, weiter.
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