Die Moral darf nicht stranden

Überfüllte Hochschulen werden oft kritisiert. In diesem Fall sorgte ein Siemens-Innovatorium, das keinen Sitzplatz mehr bieten konnte, für das Gegenteil. Das Ethik-Forum war noch nie so gut besucht. Bilder: Steinbacher (3)

Verantwortungsbewusstes Handeln ist immer werteorientiertes Handeln. Im leistungsgeprägten Hochschulbetrieb fällt dieser Gedanke meist hinten runter. Das Ethik-Forum der OTH greift ihn aber genau dort immer wieder auf. Auch wenn es inhaltlich brenzlig wird.

(zm) Wer sich derzeit quasi in eine der Höhlen des Löwen der alltagspolitischen Diskussionen wagen möchte, der wendet sich der Problematik des Flüchtlingszustroms nach Europa, Deutschland, Bayern zu. Zwei Wörter und drei Satzzeichen genügten den Planern eines Podiumsgesprächs, um die Problematik ebenso griffig wie vielschichtig zu formulieren: "Flüchtlinge, willkommen!?"

So voll wie am Mittwochabend war das Siemens-Innovatorium der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden (OTH) bei einer Veranstaltung des Ethik-Forums noch nie. Die Sitzplätze reichten bei Weitem nicht aus, um den Zuhörerandrang von Studenten, aber auch aus dem öffentlichen, lokalpolitischen und kirchlichen Leben der Region aufzunehmen.

"In diesen Wochen ertrinken Hunderte, Tausende im Mittelmeer, (...) das ist nur schwer zu ertragen", führte Prof. Dr. Bernhard Bleyer, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeit in Technik und Wirtschaft, in das Thema des Abends ein. Parallel zur Zuspitzung dieser Situation, verschärfe sich die Diskussion um die Frage, "wie viele Flüchtlinge können wir aufnehmen?".

Wider die Schablone

Die von den Parteien eingenommenen Positionen sind hinlänglich bekannt und entsprechen den erwartbaren, gängigen Mustern. Das kritisierte scharf der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, der niederbayerische Landtagsabgeordnete Martin Neumeyer (CSU). Er argumentiert fernab der Klischees, die christsozialen Berufspolitikern gemeinhin in diesen Fragen unterstellt werden. Als bekennender taz-Leser hielt er eine Titelseite des linken Berliner Blattes, gestaltet als ganzseitige Todesanzeige für 400 im Mittelmeer ertrunkene, anonyme Flüchtlingsopfer, den Zuhörern entgegen. Die meisten deutschen Tageszeitungen hätten an diesem Tag die Ankündigung, dass Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zu Saisonende zurücktreten werde, auf Seite eins gehabt.

Neue Töne finden

Derartige Ignoranz empfindet Neumeyer noch schlimmer als das gängige politische Links-rechts-Denken in dieser Frage. Den vor diesem Hintergrund parteipolitisch reichlich verpönten "bayerischen Weg der Integration" interpretiert der CSU-Abgeordnete ganz anders. Wohl auch als Appell an eigene Parteifreunde fordert er, "wir müssen verbal abrüsten". In Flüchtlingsfragen solle mehr Aufrichtigkeit in der Argumentation gegenüber der eigenen Bevölkerung sowie den um Hilfe ringenden Menschen herrschen.

Ihr moralischer Anspruch auf Zuflucht steht für Neumeyer unter bestimmten Bedingungen ebenso außer Frage wie die Tatsache, dass es auch zu viel werden und das gesellschaftliche Gefüge ins Wanken geraten kann. Er ist deshalb Verfechter einer Zuwanderungsgesetzgebung als Instrument der Steuerung. Zugleich ist für Neumeyer eine gerechtere Verteilung von in Europa strandenden Flüchtlingen innerhalb der EU-Staaten (einige würden nur sehr wenige bis praktisch keine aufnehmen) dringend geboten. Ebenso das Vermeiden falscher Hoffnungen bei Menschen in potenziellen Flüchtlingsregionen.

Jahrelange Flucht

Der Äthiopier Michael Feyesa Eshatu (24) stammt aus so einem Land. Seiner Schilderung zufolge hat er sich als 13-Jähriger zusammen mit einem Onkel auf die Flucht begeben. Der Grund: Sein politisch oppositionell tätiger Vater, für den er Kurierdienste erledigt hatte, ist seit einer Polizeikontrolle spurlos verschwunden. Der in der Amberger Gemeinschaftsunterkunft lebende junge Mann, ist verheiratet und hat zwei hier geborene Kinder.

Seine jahrelange Flucht führte über den Sudan, Nairobi schließlich über das Mittelmeer (vier von fünf Booten sind während der zweieinhalbtägigen Überfahrt seinen Schilderungen zufolge gekentert) nach Malta. Längere illegale Aufenthalte in diversen Ländern hätten dazu gedient, Geld für die Schleusung zu verdienen. "Im Jahr 2012 bin ich illegal nach Deutschland eingereist." Der junge Mann hat Asyl beantragt und sagt: "Ich bedanke mich bei der deutschen Regierung."

Nur Wille reicht nicht

Noch mit etwas Mühe kann sich Eshatu ebenso wie sein auch in Amberg untergebrachter Landsmann Musie Betre in Deutsch verständigen. Beide wiederholen im Grunde häufig gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden erhobene Forderungen. Es sei unverzichtbar, die Sprache zu lernen, sich um Arbeit oder eine Ausbildung zu bemühen und im Alltagsleben anzunähern. Die Bürokratie und etliche Bestimmungen würden ihnen das jedoch nicht einfach machen. Die beiden Äthiopier wollten offensichtlich diese Wünsche nicht als bloße Kritik verstanden wissen, sondern als Anregung aus dem Blickwinkel Betroffener.

Bevölkerung offen

Die andere Seite der Betroffenen ist praktisch die Bevölkerung der Länder, die Flüchtlinge aufnehmen. Für sie sprach Ammerthals Bürgermeisterin Alexandra Sitter-Czarnec. Dort leben seit November 16 syrische Asylsuchende, darunter eine siebenköpfige Familie. Die Hilfsbereitschaft und das Entgegenkommen in dem 2400-Einwohner-Dorf beschreibt die Bürgermeisterin durchweg positiv. Angesichts einer unerwarteten Zuteilung habe sich die Gemeindeverwaltung in einigen Punkten gefordert bis leicht überfordert gefühlt, gesteht sie ein. Doch die Sachverhalte seien komplex und inzwischen hätten sich die Vorgänge in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt eingespielt.

Nicht überstrapazieren

Für Sitter-Czarnec gibt es aber keine Zweifel, dass erfolgreiche Integrationsarbeit unverzichtbar auf ehrenamtliches Engagement angewiesen ist. Ihrem Dorf und "unseren Syrern" stellt sie ein gutes Zeugnis hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen aus. Aus dem Publikum kamen jedoch auch eher besorgte Anmerkungen. Wenn etwa in einem 150-Einwohner-Ort wie Tanzfleck 40 Flüchtlinge untergebracht sind. Darunter auch Familien mit Kindern, die der Schulpflicht unterliegen. Das werfe zum Teil erhebliche Probleme auf und schlage indirekt auch auf die Akzeptanz im gesellschaftlichen Umfeld durch.
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