"Dieses Urteil wird nicht halten"

Als der Mann hörte, dass er ins Gefängnis muss, wurde der Gerichtssaal zu einer Plattform aggressiver und ungezügelter Äußerungen. "Eine Frechheit", schrie der Angeklagte, ließ sich in seinem Wortschwall nicht bremsen und rannte hinaus auf den Gang.

Über vier Verhandlungstage hinweg hatte der 30-Jährige die Geduld von Richterin Julia Taubmann und Staatsanwalt Jan Prokoph auf harte Proben gestellt. Wo andernorts unverzüglich restriktive Maßnahmen ergriffen worden wären, wurde bei diesem Gericht Nachsicht geübt. Erst ganz zum Schluss, als der Angeklagte erneut ausrastete, stellte der Anklagevertreter den Antrag auf 300 Euro Ordnungsgeld - ersatzweise drei Tage Haft. Doch das will sich die Richterin erst noch überlegen und "auf dem Büroweg entscheiden".

Mehrfach vorbestraft

Angesichts der ungestümen und völlig unkontrollierten Art des Beschuldigten rückte fast schon in den Hintergrund, worum es in dem Prozess eigentlich ging. Der mehrfach vorbestrafte und von der Justiz auch schon hinter Gitter gebrachte 30-Jährige stand unter Verdacht, einen 36-Jährigen aus dem Landkreis um 1000 Euro betrogen zu haben. Hintergrund: Der Mann verlangte das Geld, als ihm eine angeblich wertvolle Designerjacke beschädigt worden war. Dieses Verfahren endete letztlich mit einem Freispruch, weil sich ein Tatnachweis nicht führen ließ.

In einem zweiten Anklagepunkt war es um eine Auseinandersetzung zwischen dem 30-Jährigen und seiner ehemaligen Lebensgefährtin gegangen. In einer Wohnung nahe des Nabburger Tors soll die Frau am Hals gepackt, verletzt und rüde auf ein Sofa geworfen worden sein. "Niemals", wies der Beschuldigte diesen Verdacht von sich und setzte zum Versuch an, den Leumund des Opfers in Frage zu stellen. Doch das scheiterte.

Am vierten und letzten Prozesstag vernahm Richterin Taubmann eine Polizistin. Sie äußerte: "Eine schwierige Beziehung zwischen zwei nicht einfachen Menschen." Das hörte sich Staatsanwalt Jan Prokoph an, blickte dann ins Vorstrafenregister des Mannes und zeigte sich nach umfangreicher Beweiserhebung überzeugt davon, "dass er seine Lebensgefährtin misshandelt hat." Dafür forderte er drei Monate Haft ohne Bewährung.

Verteidiger Jürgen Mühl sah es anders. Er verlangte Freispruch und führte der Richterin vor Augen: "Die Frau war nicht glaubwürdig." Doch die Vorsitzende teilte die Auffassung des Staatsanwalts und verhängte drei Monate Haft. Mit diesem Urteil dürfte nun wohl auch eine momentan noch laufende Bewährung widerrufen werden.

Hinaus und wieder rein

Das ließ den 30-Jährigen nicht ruhen. Er begehrte auf, wetterte gegen die Entscheidung, rannte hinaus und kam nach zehn Minuten wieder. Dann hörte die Richterin: "Geben Sie mir doch das Doppelte. Ich verdiene mein Geld beim Poker und kann, wenn Sie wollen, auch noch mehr Ordnungsgeld zahlen." Dann signalisierte er lautstark: "Dieses Urteil wird nicht halten."
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