Dieter Dörner zeichnet Leidensgeschichte Amberger Juden nach
Tragödien auf Karteikarten

Dieter Dörner (rechts) hat sich intensiv mit der Geschichte der Amberger Juden befasst. Am Sonntag gewährte er rund 70 Zuhörern in der Synagoge bedrückende Einblicke. Bild: Steinbacher

Es sind Namen, Orte und Jahreszahlen, die Dieter Dörner auf Kärtchen notiert hat: Die Lebensgeschichten Amberger Juden. Die Karten erzählen von Hoffnung und Liebe und von Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes.

Den Pferdehändler Jakob Kirschbaum holten die Nazis am 10. November 1938 frühmorgens um 5 Uhr aus dem Bett. Nur mit dem Nachthemd bekleidet trieben sie ihn von seiner Wohnung in der Regensburger Straße aus auf die Polizeiwache zum Marktplatz. Um ihn zu drangsalieren, um Juden als minderwertig zu brandmarken. Es war eine öffentliche Demütigung, wie sie an der Tagesordnung war, damals in den 1930er-Jahren - auch in Amberg.

Heiligtümer angezündet

Zum 76. Jahrestag der Pogromnacht zeichnete Kreisheimatpfleger Dieter Dörner den Leidensweg ausgewählter Amberger Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft nach. Er erzählte die Geschichten von einem Dutzend Familien an einem symbolträchtigen Ort: dem jüdischen Gebetshaus in der Salzgasse, das eine Horde von Nazis in der Nacht zum 10. November 1938 geschändet hatte. "SS- und SA-Leute drangen in die Synagoge ein und warfen die Heiligtümer und das gesamte Mobiliar auf die Straße", berichtete Dörner. "Dort zündeten sie die Inneneinrichtung an."

Die ursprünglich geplante Sprengung des Hauses sei unterblieben, weil dazu die angrenzenden Gebäude aufwendig hätten evakuiert werden müssen. Nicht nur ins Schlafzimmer von Jakob Kirschbaum stürmten die aufgepeitschten Anhänger Hitlers, auch andere Familien zerrten sie in dieser Nacht zur Demütigung auf die Straße. Die Angst und Verzweiflung, die sich nunmehr unter den verbliebenen jüdischen Einwohnern breitmachte, muss unvorstellbar gewesen sein.

So groß, dass Anna Hörauf, eine Jüdin, die mit einem nichtjüdischen Amberger Arzt verheiratet war, wenige Wochen später Suizid beging. Dem Ehepaar Hörauf war im Laufe des Jahres 1938 klar gemacht worden, dass die Ehe geschieden werden müsse. Ansonsten würde der Mann mit einem Berufsverbot belegt. Als einziger Ausweg erschien der Tod.

Rassen- und Führerwahn

Dörner erzählte von ganzen Familien-Dynastien, die in Amberg sehr engagiert und hoch geachtet gewesen seien. Von den Weinschenks berichtete er, die ein Bekleidungshaus in der Georgenstraße betrieben, von der Kaufmannsfamilie Ascher oder von Ernst Bloch, der SPD-Mitglied und Vorsitzender des FC Amberg gewesen sei. Nicht nur diese Verdienste, alles menschliche, blendeten die Nazis und ihre Unterstützer in ihrem Rassen- und Führerwahn aus.

Pferdehändler Kirschbaum hatte bis zuletzt geglaubt, er würde der Todesmaschinerie entgehen weil er im Ersten Weltkrieg tapfer gekämpft hatte. Er trug das Eiserne Kreuz Erster Klasse. "Mich holen die nie", soll er noch im August 1942 zu einem Bekannten gesagt haben. Etwa ein Jahr später soll auch er deportiert worden sein. Über die genauen Umstände seines Todes ist - wie in so vielen Fällen - nichts bekannt.
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