"Diplomat" mit Schweigerecht

Der Mann galt in Kreisen derer, die für Darlehen hohe Renditen erwarteten, als "graue Eminenz". Ein angeblicher Diplomat mit weitreichenden Beziehungen. Jetzt sollte er in Amberg aussagen, reiste aus Norddeutschland an - und war gleich wieder fort.

Für das Verfahren vor der Ersten Strafkammer, nunmehr seit fünf Prozesstagen im Gange, gilt offenbar: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Renditen in versprochener Millionenhöhe, um ihr Geld gebrachte Leute aus halb Europa, Bankkontakte bis hinüber auf die Philippinen und Menschen, die als Drahtzieher an einem unglaublich erfolgreichen Finanz-Fischzug beteiligt gewesen sein sollen.

Einer von ihnen ist angeblich ein 54-jähriger Makler aus Amberg, der nun auf der Anklagebank sitzt. Noch immer in U-Haft, obwohl seine Verteidiger Hans Meyer-Mews (Bremen) und Michael Schüll (Amberg) zürnen. Sie verlangen von der Strafkammer, ihr Mandant müsse umgehend freigelassen werden.

Die "graue Eminenz"

Zu denen, die sich im Hintergrund der Abzocke-Aktion befanden, soll ein heute 62-Jähriger aus der Nähe von Hamburg gezählt haben. Die "graue Eminenz", wie einer der Zuhörer im Gerichtssaal erzählte. Selbst finanziell auf den Leim gegangen, wusste der Mann: "Für mich war der nie sprechbar." Ein in hohen Kreisen angesiedelter Diplomat angeblich, der sich einschaltete, wenn es um den Aufbau von Vertrauen zu den Geldgebern ging. Auch bei bangen Nachfragen gab es vertröstende Worte von ihm. Leibhaftig gesehen hat den Norddeutschen wohl keiner. Aber Post und Mails von ihm gab es mitunter.

Jetzt war der vermeintlich noble Herr als Zeuge geladen. Er kam auch mit einem Rechtsbeistand. Doch Näheres erfuhren die Richter nicht. 800 Kilometer her und die gleiche Strecke gleich wieder zurück. Außer Spesen nichts gewesen. Der 62-Jährige präsentierte sich in gesundheitlich erbärmlichem Zustand, wusste auf Anhieb noch nicht einmal seine Adresse. Dann hörte der eher bieder gekleidete Zeuge, dass er (weil selbst im Fadenkreuz von Ermittlungen) ein Aussageverweigerungsrecht besitze. Er machte Gebrauch davon und durfte gehen. Weg war der "Diplomat". Später rätselte man im Zuhörerraum, ob er seine schlechte Verfassung nur gespielt habe.

Es gab noch einen weiteren Zeugen. Ebenfalls von weiter her nach Amberg gekommen, schilderte der 48-Jährige, wie er zwischen Torte, Festmahl und Walzer bei der Hochzeit eines Neffen von seinem Bruder erfuhr, dass es da ein wirklich lohnendes Geschäft gebe. Der Mann verließ sich darauf und unterzeichnete den Darlehensvertrag über eine hohe fünfstellige Summe. Dafür wurden acht Prozent Zinsen und eine stattliche Bonuszahlung in Aussicht gestellt.

Es kam nichts rüber

Kannte er den wegen Betrugs angeklagten 54-Jährigen? Eher nicht. Es habe einmal, so berichtete der Zeuge, ein fünfminütiges Telefongespräch gegeben. Dann unterschrieb er und erkundigte sich fortan bei seinem Bruder ("Ich weiß nicht, ob er selbst so ein Geschäft abgeschlossen hat"), was denn nun mit dem Geld wäre. Doch der sei so ahnungslos gewesen wie er selbst. Darlehen, Zins und Bonus sind bis heute verschollen. Irgendwo in Kanälen, die man gerne kennen würde.

Der "Mallorca-Betrüger"

In dieser Woche sollen weitere Zeugen erscheinen. Zum Beispiel aus Spanien und Großbritannien. "Sie haben eine Ladung, müssen aber nicht unbedingt kommen", dämpfte Richterin Stöber die Erwartungen. Einer hat ganz sicher auf dem Vernehmungsstuhl Platz zu nehmen: Wolfgang S. (68), den man heuer in Weiden als "Mallorca-Betrüger" zu elf Jahren Haft verurteilte. Anfangs nicht auf der Liste, muss er nun doch die von Polizisten begleitete Fahrt nach Amberg antreten.

Ob Wolfgang S., der den Amberger Finanzmakler als seinen Chefberater in Diensten hatte, etwas zum Besten gibt, ist äußerst fraglich. Sein Revisionsverfahren läuft gegenwärtig. Von daher besäße er das Recht, nichts sagen zu müssen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.
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