Ein Bau, der viel erzählen kann

Der Bauzustand sei beklagenswert, bedauert Stadtheimatpflegerin Beate Wolters - trotzdem gehört für sie die Baumann-Villa am Kreisverkehr unbestritten zu Ambergs Kulturschätzen. Einzigartig sei das Gebäude durch seinen ungewöhnlichen Stil-Mix. Bild: Hartl

Diese Fassade vereint offenbar alles, was im Musterbuch des Architekten gerade vorrätig war. Entstanden ist dadurch nicht nur ein kunterbunter Stilmix. Stadtheimatpflegerin Beate Wolters spricht von einem "sehr schmuckfreudigen Gesamtergebnis": Die Baumann-Villa am Kreisverkehr verrät auch viel über ihre ehemaligen Bewohner.

Das Gebäude ist eines der ehemals vier Wohnhäuser der Familie Baumann, deren gleichnamige Emaillefabrik von Amberg aus die Welt belieferte. Das, sagt Stadtheimatpflegerin Beate Wolters, spiegle die Architektur heute noch wider: "Die Baumann-Villa am Ring zeigt trotz ihrer Beschädigungen und ihres recht vernachlässigten Zustands immer noch das Repräsentationsbedürfnis eines erfolgreichen Fabrikbesitzers im 19. Jahrhundert."

Offensichtlich habe die Familie hier etwas zeigen wollen und sich dazu der historisierenden Bauweise bedient. "Man hat da wirklich in die Kunstgeschichte gegriffen - und alles, was einem gefallen hat, an diesem Bau angebracht", betont Wolters: So gesellen sich zu einem Erker eine Art Loggia, ein Eingangsportal, von barocken Atlanten-Figuren gerahmt - "also richtig hochbarock, doch dann kommen auch Renaissance-Elemente dazu". Wolters geht weiter ins Detail: "Über den Fenstern im Erdgeschoss gibt es kleine Verzierungen, in deren Mitte sitzt eine Steinmaske, wie man es in der Renaissance gern gemacht hat." Das Fazit der Stadtheimatpflegerin: "Es ist einfach alles an dieser Fassade, was repräsentativ war, was vielleicht dem Bauherrn gefallen hat."

Einst waren es vier Villen

In Zusammenhang mit den Baumann-Villen verweist Wolters auf die Eisengau-Reihe. 2012 sei ein eigener Band erschienen, der der Familie Baumann und ihren Werken gewidmet ist. Darin seien auch ihre Wohngebäude Thema. Insgesamt waren es laut Wolters vier Villen. "Die am Ring, Mariahilfbergweg 2, ist die sogenannte Winter-Villa, weil man diese gern im Winter benutzt hat." Im Sommer dagegen habe die Familie lieber in ihrem Haus an der Bergauffahrt logiert - das heute in Amberg als "die Baumann-Villa" bekannt ist. Dort allerdings seien alle Verzierungen abgeschlagen worden, betont Wolters. Auch dieser Bau sei einst reich geschmückt, sehr historisierend, gewesen. Heute sei nur noch der Kern übrig, "alles, was an Türmchen, Erkerchen und anderen Sachen dran war, ist weg".

Die dritte Villa, am Philosophenweg, ist nach Wolters Worten bestens erhalten, in Privatbesitz und "sehr schön gepflegt". Sie wirke "ein bisschen wie ein Schwarzwaldhaus", durch ihre Dachlandschaft. Man könne darin "aber auch ein bisschen Bäderarchitektur" erkennen: "Das zeigt, wo die Leute in der Zeit schon rumgekommen sind, was ihnen gefallen hat." Diese Stilelemente hätten sie dann für ihre eigenen Gebäude übernommen. Das, sagt Wolters, zeige einfach "die Reisefreudigkeit dieser Zeit - dass man sich einfach von überall her den Stil mitbringt und in einem Bauwerk vereint".

Die letzte, vierte Baumann-Villa, einst Mariahilfbergweg 32, existiert nicht mehr. "Sie wurde abgebrochen." Der Bau am Kreisverkehr sei der einzige, der heute noch frei zugänglich sei. Wer in den Eingangsbereich hineingehe, bekomme noch einen Eindruck von der einstigen Schönheit. Die Heimatpflegerin bedauert allerdings sehr, dass die Substanz "furchtbar lädiert" sei: "Man ist schändlich damit umgegangen, das muss man wirklich sagen." Trotzdem sei noch etwas von der früheren Pracht zu erahnen. Wolters schwärmt von der Marmorverkleidung, den Malereien im Treppenhaus. Wenn man nach oben schaut, sieht man ein kleines Rundbild: "Da sitzt immer noch Merkur, der Gott des Handels und des Gewerbes." Womöglich ein Symbolbild für die Baumann-Familie, dass ihr Handel blühen sollte, mutmaßt die Heimatpflegerin. Dazu gesellt sich Pax, die Friedensgöttin. "Friede und der Gott des Handels sorgen eben dafür, dass ein Familienunternehmen gedeihen kann."

Darüber wachen diese beiden noch heute. Vielleicht sollten sie aber auch ein wenig über das Gebäude selbst wachen. Wolters seufzt tief angesichts des Verfalls dieses Amberger Schatzes: "Er sieht immer noch schön aus, aber wie damit umgegangen wird, ist grauenhaft."
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