Ein Lächeln im Zentrum der Verwüstung

Ein paar Familien ermöglichten Marilou Amann und ihre Spender aus Deutschland den Kauf von Tribikes - ein Dreirad mit Transportfläche. Damit konnten sie ein kleines Fuhrunternehmen aufmachen und so ihren Lebensunterhalt verdienen. Bild: hfz

Noch heute treibt es ihr Tränen in die Augen, wenn sie daran denkt: "Wie vielen Menschen hätte ich damit wohl noch helfen können?", fragt Marilou Amann, zeigt auf ihre Uhr - und meint das Geld, das sie irgendwann dafür ausgegeben hat. Kein Vermögen. Aber in ihrer alten Heimat, auf den Philippinen, wäre es eines.

Als Marilou Amann der Gedanke an ihre Uhr erstmals durch den Kopf ging, stand die Wahl-Ambergerin in der philippinischen Stadt Tacloban. Inmitten völliger Zerstörung, die wenige Wochen zuvor der Taifun Haiyan angerichtet hatte. Fast genau ein Jahr ist das jetzt her. Marilou Amann wollte damals eigentlich ihre Familie in der Nähe von Manila besuchen und bedürftigen Landsleuten Lebensmittelpakete zu Weihnachten schenken: Seit 1980 organisiert die Filipina, die mit einem Amberger verheiratet ist, jedes Jahr eine solche Hilfsaktion aus Spenden, die sie bei Freunden, Bekannten und Firmen in Deutschland sammelt.

Der Flug war schon lang gebucht. Dann kam Haiyan. "Eine schreckliche Katastrophe - die totale Zerstörung", so fasst es Marilou Amann zusammen. Angesichts der erschütternden Nachrichten überlegten sie und ihr Mann, ob sie ihre Reise überhaupt antreten sollten. Doch Marilou Amann wollte unbedingt ihre Hilfspakete verteilen. Das hat sie in den ersten drei Wochen auf den Philippinen getan - und dabei auf der Haupt-Insel Luzon 600 bedürfte Menschen mit Nahrung versorgt.

Tränen in den Augen

Ihr Mann und ihre drei Kinder haben geholfen. "Es war schön, zu sehen, wie sehr sie das berührt hat. Sie hatten Tränen in den Augen, als sie unsere Geschenke verteilt haben - an alte Leute, kranke Menschen, Kinder. Jetzt wissen sie aus eigener Erfahrung, wie viel Glück sie haben, dass sie in Amberg leben, wo es ihnen gut geht - und dass das nicht selbstverständlich ist." Weihnachten feierten die Amanns mit ihren philippinischen Angehörigen. Dann reisten sie nach Tacloban. Ein weiter Weg, weil der Flughafen völlig zerstört war.

Der Bischof der dortigen Diözese nahm sie auf und wies ihnen Wege, dorthin, wo die Not am größten war - "da wollte ich hin". Natürlich war es eine gewaltige Aufgabe, einen Hilfs-Konvoi auf die Beine zu stellen. "Es hätte nichts genützt, den Taifunopfern Geld zu bringen: Was hätten sie davon kaufen sollen? Ihre Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, dort gab es nichts mehr zu kaufen." Im Herzen des Katastrophengebiets angekommen, waren die Amanns erschüttert. "Du weißt gar nicht, wem du helfen sollst: Jeder einzelne dort brauchte Hilfe. Und gleichzeitig weißt du, du kannst nicht jedem helfen." Manchmal waren sie zwölf Stunden unterwegs, um ein Dorf zu erreichen. "Dort gibt es nichts von dem, was in Deutschland selbstverständlich ist: Strom, fließendes Wasser." Das war vor dem Taifun. Er nahm den Menschen auch noch alles andere. "Eltern haben ihre Kinder verloren. Kinder ihre Eltern."

Motivation: Liebe

Dann musste Marilous Mann zurück nach Amberg - er hatte nur zwei Wochen Urlaub. "Ich habe beschlossen, ich bleibe." In den folgenden Wochen kamen ihr öfter Zweifel. "Schaffe ich das alleine?" Sie hat weitergemacht. "Ich habe alles verteilt, was ich hatte - um ein bisschen Hoffnung zu schenken." Marilou Amann sah "Menschen mit bloßen Händen den Boden aufgraben, um tote Angehörige zu bergen, die der Sturm unter Trümmern begraben hat".

Diese Bilder wird sie nie vergessen. "Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich nach meiner Rückkehr darüber reden konnte." Oft wird sie gefragt, warum sie das gemacht hat. Dann sagt sie: "Weil ich meine Landsleute liebe. Und für mich zählt Liebe nichts, wenn sie nicht mit Taten verbunden ist." Außerdem wollte sie sicherstellen, "dass jeder Cent, den mir Spender in Deutschland anvertrauen, wirklich bei den Menschen landet, die diese Hilfe so dringend brauchen". Das, bedauert die Filippina, sei ein großes Problem in ihrer Heimat: Der Staat könnte den Taifun-Opfern durchaus helfen - wenn die Korruption nicht wäre.

Irgendwann hat sich die 51-Jährige geschämt, gesteht sie. Dann erzählt sie die Geschichte mit ihrer Armbanduhr. Diese, ihre Handtasche, ihre Schuhe: "Eigentlich bräuchte ich diese Sachen gar nicht. Ich habe mich damit schuldig gefühlt, angesichts all dieses Elends. Ich hätte so gern so viel mehr getan." Auf ihre Landsleute ist die Filippina stolz: "Diese Zuversicht, dass sie nicht aufgeben, inmitten all der Verwüstung. Sie schenken dir trotzdem noch ein Lächeln - und du siehst die Hoffnung in ihren Augen."

Ende März, nach 100 Tagen, flog die Wahl-Ambergerin dann zurück nach Deutschland. "Das ist mir schwer gefallen. Ich hätte noch so gern weitergemacht. Aber ich hatte keine Kraft mehr." Schon damals wusste die 51-Jährige, "ich muss wiederkommen. Im August bin ich nochmal hingeflogen, für vier Wochen. Mit weiteren Spenden." Diesmal versuchte sie auch, einigen Familien ein kleines Startkapital für ein Geschäft zu geben - einen Lebensmittelladen etwa. Hilfe zur Selbsthilfe: Der Besitzer verdient Geld, Kunden können wieder einkaufen.

Trotzdem war ein Wiederaufbau praktisch nicht erkennbar. "In Tacloban ist mir als erstes aufgefallen, dass die Natur sich wieder völlig erholt hatte." Die Begeisterung darüber verflog schnell, als Marilou Amann sah, wie wenig sich für die Leute verbessert hat. Sie seufzt tief. "Wenn sich nur die Menschen auch so schnell erholen könnten wie die Natur. Die Kinder gehen wieder zur Schule - aber das Gebäude hat immer noch kein Dach, keine Fenster."

Die Welt vergisst schnell

Aus den Schlagzeilen sind die Philippinen längst wieder verschwunden. Glücklicherweise laufen noch einige Hilfsprojekte. "Die Leute versuchen, irgendwie zu überleben. Aber es wird noch sehr lange dauern, bis sie wieder ein normales Leben führen können", bilanziert die 51-Jährige. Natürlich wird sie weitermachen. Sie denkt schon an ihre Weihnachtsaktion, in der Hoffnung, dass sie dafür wieder viele Spenden sammeln kann.

Haben sie die 130 Tage im Katastropheneinsatz verändert? "Ich glaube schon", antwortet sie: "Ich freue mich noch mehr über die kleinen Dinge im Leben. Ich habe erkannt - alles, was du besitzt, ist nichts: Du kannst von heute auf morgen alles verlieren."
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