Ein Leben reicht aus - vielleicht

Vor sich eine respektable Schrift über die Bauhistorie des Amberger Landgerichts und die Geschichte der Gerichtsbarkeit in der Stadt, die er zu diesem Werk beisteuerte; hinter sich an der Wand einen Versuch in Landschaftsmalerei; im Treppenhaus zwei großformatige, gegenstandslose Schmalzbauer: Landgerichtspräsident Dr. Wolfgang Schmalzbauer sagt von sich, "ich habe meinen Alltag ziemlich straff organisiert". Heute wird er 65. Bild: Steinbacher

Es gibt nicht viele Behördenleiter, deren Dienstbezeichnung nicht nur Autorität, sondern ausdrücklich die Aura einer Persönlichkeit zuschreibt. Landgerichtspräsident ist so ein Titel. Dr. Wolfgang Schmalzbauer füllt ihn im besten bürgerlichen Sinne genau so aus. Heute wird er 65 Jahre alt.

(zm) Eigentlich fällt dieser Geburtstag aus dem üblichen Jubiläumszahlen-Kanon 25, 50 und 75 deutlich heraus, genießt aber gesellschaftlich dennoch einen hohen Symbolwert. Das mag daran liegen, dass mit 65 Jahren bisher das Arbeitsleben endete. Auch diese Zeiten sind angesichts der Rente mit 67 vorbei und Dr. Wolfgang Schmalzbauer wird erst mit dem 31. August aus dem Dienst ausscheiden.

Sollte jemand auf die Idee kommen, zum Abschied den Herrn Präsident in Öl hinterlassen zu wollen, dem sei verraten, dass es bereits zwei echte Schmalzbauer im Treppenhaus des ehrwürdigen Landgerichtsgebäudes gibt: zwei wandfüllend-großformatige, gegenstandlose Arbeiten. Die eine in pastelligen Rosa- bis Rottönen gehalten, die andere deutlich düsterer, es dominieren dunkles Blau bis tiefstes Grün. Die beiden Arbeiten tragen die Titel "Tunnelblick" und "Augenmaß". Der Justiz wird oft beides gleichermaßen nachgesagt.

Der Multitasker

Ein kunstsinniger Gerichtspräsident also ("Während des Referendariats habe ich ein paar Semester Kunstgeschichte studiert"), ein malender dazu ("Seit einigen Monaten experimentiere ich wieder verstärkt"). Außerdem pflegt Schmalzbauer eine Vorliebe für Musik ("Da habe ich aber kein Talent"), tanzt regelmäßig (sportlich) quer Beet mit seiner Frau durch alle gängigen Genres, hegt eine ausgeprägte Vorliebe für Geschichte, beschäftigt sich gerne mit Philosophie, treibt viel Sport und humpelt deshalb derzeit leicht wegen Problemen mit der Achillesferse.

Der Landgerichtspräsident, Sohn eines Facharbeiters bei der Luitpoldhütte und Mutter mit böhmischer Umtriebigkeit im Blut, war einmal Vorsitzender der Freunde des Erasmus-Gymnasiums, engagierte sich an führender Stelle in der Diakonie, bei der Lebenshilfe und ist seit 2013 Vorsitzender des Caritasverbandes für die Stadt und den Landkreis. Für diese Aufgabe muss derzeit noch ein wöchentliches, straff organisiertes Jour-fix ausreichen. Aber mit dem Ruhestand soll für diese Aufgabe sicherlich viel mehr Zeit sein. Schmalzbauer gesteht eine gewisse Ehrfurcht vor dem zu verantwortenden 18-Millionen-Etat des Wohlfahrtverbandes ein. Das sei schließlich mehr als so manche Gemeinde zur Verfügung habe.

Die Baustelle

Derzeit räumt der künftige Pensionär schon Zug um Zug sein Büro, das Präsidentenkanzlei heißt, aus. Wenige Tage vor seinem letzten Arbeitstag, der für 31. Juli im Kalender steht ("Ich habe noch Resturlaub"), wird er noch einmal umziehen müssen. Seit Schmalzbauer 2009 an die Spitze des Landgerichts berufen wurde, ist der historische Komplex eine Baustelle. Die größte in der Altstadt, knapp 26,5 Millionen Euro wird die Generalsanierung einmal gekostet und zehn Jahre gedauert haben.

Den Abschluss der Arbeiten wird Schmalzbauer nicht mehr als Präsident erleben. Aber eine ansehnliche Schrift zu der Baugeschichte des Hauses und der Gerichtsbarkeit in Amberg hat er zusammen mit Christa Hönle, die das Millionen-Projekt des Staatlichen Bauamtes betreute, schon verfasst und erst kürzlich vorgestellt. Jetzt ist der Landgerichtspräsident stolz, Chef in "Bayerns ältestem Gerichtsgebäude mit der modernsten Technik" zu sein. Seit 1544 wird in Räumen des sich durch mehrere Bauepochen ziehenden Komplexes Recht gesprochen, der Rest ist neuester Stand.

Alles, nur keinen Nachruf

Schmalzbauers beruflicher Weg verlief zielstrebig, wenn auch nicht akkurat geradlinig. Eigentlich wollte er Verwaltungsjurist werden. Doch der Doktorvater verstarb überraschend und so wurde es eher zufällig eine Promotion in Zivilrecht. Als dann auch noch das zweite Staatsexamen recht gut ausfiel, kam die Karriere in Gang. Doch, das war abgemacht, zum 65. sollte weniger über den Beruf als das Leben gesprochen werden. Laudationes mit dem Hang zum Nachruf werde es wohl noch einige geben, schmunzelt der Landgerichtspräsident und fügt hinzu: "Ich halte nichts davon, eigenen Perioden nachzutrauern."

Ein Füllhorn an Zeit

Der Mensch Dr. Wolfgang Schmalzbauer richtet an seinem 65. Geburtstag den Blick fast ausschließlich nach vorn. Dorthin, wo das ist, von dem er noch zu wenig hat: Zeit. Aber bald wird es sie geben. Mehr Zeit mit der Frau und Familie (wenn die beiden Söhne einmal da sind), Zeit für all die Vorlieben und Passionen, Zeit für den Caritasverband und Zeit zum Sinnieren ("Die Philosophie zwingt dich zum Zweifel, aber ohne Zweifel gäbe es keine Weiterentwicklung"). Für heute hat er sich auch einen Sprung Zeit genommen und ist mit der Ehefrau, gleichfalls einer Juristin im Staatsdienst, in Urlaub gefahren.
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.