Eine Bilanz der Vernichtung

In der Militärhistorischen Sammlung ist ein Stück Schützengraben ziemlich originalgetreu nachgebaut. Stabsfeldwebel Hubert Haas, der hier das am Mann getragene Bajonett des Soldaten zeigt, hat als Riedener Heimatpfleger herausgefunden, dass die meisten Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus Rieden durch Artilleriebeschuss der Schützengräben umkamen. Bild: Steinbacher

"Hier, das kenne ich doch, da waren wir auch." Neugierig kommen die Schüler und schauen, was ihr Lehrer Daniel Hagn da entdeckt hat.

Es ist ein Bild, auf dem König Wilhelm I. in Clermont die Offiziere des 6. Infanterieregiments begrüßt, als die Amberger Einheit im Krieg von 1870/71 durch den französischen Ort Clermont marschiert. "Das war doch nur zehn Kilometer von unserer Unterkunft weg", ist sich Hagn sicher. Zustimmendes Gebrummel bei den einen, skeptische Blicke bei den anderen.

Die Schüler kennen die Gegend, weil sie beim Argonnen-Projekt der Amberger Berufsschule dabei waren und sich die Schlachtfelder sowie Überreste des Ersten Weltkriegs in Nordostfrankreich angeschaut haben. Jetzt stehen sie in der Militärhistorischen Sammlung der Leopoldkaserne und erfahren, wo sie sich auf den Spuren des Amberger Hausregiments bewegten und wie die Sammlung das Schicksal dieser Soldaten dokumentiert. Es ist eine Bilanz der Vernichtung: 3480 Mann war das Regiment stark, als es am 6. August 1914 zum ersten Mal in Kriegsstärke antrat. Bei der Zählung am 5. November 1918, vier Tage vor Kriegsende, waren davon noch 11 Offiziere, 63 Unteroffiziere und 277 Mannschaftsdienstgrade übrig.

Zuerst mit Pickelhaube

Das Bild der Soldaten prägt zu Beginn des Krieges noch die Pickelhaube. Der bayerische Wahlspruch "In Treue fest" als Aufschrift bringt den Soldaten die anfangs ungeliebte preußische Kopfbedeckung näher. Doch gehärtetes Leder ist ein schlechter Schutz gegen die Munition, die im Weltkrieg auf die Schützengräben niederregnet. Die Deutschen führen deshalb 1916 den Stahlhelm in Massen ein, vor allem für die Einheiten, die rund um die "Blutmühle" Verdun kämpfen. Einen frontalen Volltreffer hält er freilich auch nicht aus. Für Wachtposten, die ihren Kopf regelmäßig aus der Deckung strecken müssen, gibt es deshalb einen zusätzlichen Stirnschutz, der vorne aufmontiert wird. Jonas Stauber probiert einen solchen verstärkten Helm auf. "Unbequem und ganz schön schwer", sagt er.

Gasmaske aus Ziegenleder

"Wie viel mussten denn die Soldaten mit sich schleppen, wenn sie ihre komplette Ausrüstung dabei hatten?", will Helena Dechand von Wolfgang Eger wissen. Der ehemalige Vorstand der Raiffeisenbank Amberg war mit den Schülern in den Argonnen dabei und zeigt ihnen jetzt als einer der ehrenamtlichen Führer die Militärhistorische Sammlung. "So 30 Kilo waren es schon", schätzt Eger. Darunter auch Gasmasken aus Ziegenleder, die besonders dicht waren. Denn seit Ende April 1915 die Deutschen erstmals Kampfgas eingesetzt hatten, mussten die Soldaten immer damit rechnen, dass Chlor oder Phosgen mit tödlicher Wirkung in ihre Stellungen wehten.

Eher unbekannt ist, dass die Deutschen im Ersten Weltkrieg schon Panzer einsetzten. Das erste Modell, der "Sturmpanzerwagen A7V", wurde aber erst 1917 entwickelt. 17 Mann Besatzung hatte er laut Eger "und hinten eine Kiste mit Brieftauben", um Meldungen absetzen zu können. Die Kampfkraft war nicht überragend. "Drei Mann sind nur rumgekrochen und haben den Motor geölt", sagt Eger. Die Schüler haben in den Argonnen geholfen, ein Ruhelager hinter der Front zu restaurieren. Die widrigen Lebensumstände dort kennen sie besser, als sie selbst der in der Sammlung nachgebaute (und in ihren Augen etwas zu gemütliche) Unterstand vermitteln kann. Einige finden die Ausstellung deshalb "zu theoretisch", andere nehmen sie als Ergänzung ihrer in Frankreich gesammelten Erfahrungen. "100 Meter sind wir dort mal im Schlamm gelaufen", erzählt Helena Dechand. "Den meisten hat das gereicht."

Gräben unter Wasser

Als das 6. Infanterieregiment im nassen Winter 1916/17 in Französisch-Flandern kämpfte, stießen die Soldaten beim Stellungsbau schon in Spatentiefe auf Wasser. In den Gräben konnten sie deshalb nur auf Lattenrosten gehen, unter denen das Wasser lief. Wo die zerschossen waren, musste man durchwaten. "Zeitweilig stehen wir fast bis zur Brust im Wasser", notiert die Regimentsgeschichte. Die Uniformen seien ständig nass gewesen. Wenn wir Heutigen uns vorstellen müssen, was die Soldaten zwischen 1914 und 1918 ertragen haben, ist der Erste Weltkrieg doch wieder unendlich weit weg.
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