Eine Kirche, die die Herzen berührt

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Natürlich fühlt sich Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger auch in seinem Dienstgebäude an der Vils wohl. Aber sein Lieblingsort in Amberg liegt doch etwa 100 Meter weiter.

"Man fühlt sich in dem Bau wie geborgen", sagt der gelernte Mittelalter-Historiker über die Basilika St. Martin. "Seit ich hier in Amberg bin, hat sie mich total fasziniert." Er meint damit das Gesamtensemble, die Geschlossenheit des Baus, "obwohl die so lange hingebaut haben, über 100 Jahre lang, und trotzdem ist ein einheitlicher Bauplan eingehalten worden".

Im Jahr 1421 haben die wohlhabenden Bürger der Stadt den Bau von St. Martin begonnen, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Stadtkirche St. Georg noch gar nicht fertiggestellt war. Das und die gigantischen Ausmaße - St. Martin ist mit 72 Metern Länge und gut 20 Metern Breite die größte Kirche in der Oberpfalz nach dem Regensburger Dom - machen das Ziel des Baus deutlich: Repräsentation.

Die führenden Geschlechter der Stadt bekamen mit ihr eigene Grablegen, konnten eigene Priester anstellen, und der Emporenumgang gab ihnen die Möglichkeit, über ihrer eigenen Kapelle dem Gottesdienst beizuwohnen. Dieser durchgehende Umgang ist laut Laschinger extrem selten: "Da gibt es wenig Vergleichbares." Dass man an dem Bau "die konfessionelle Entwicklung in der Stadt ganz fantastisch ablesen kann", gefällt dem Historiker ebenfalls. Er weiß, dass ab 1544 hier die protestantischen Gottesdienste abgehalten wurden. Oder dass sich 1557 die Kalvinisten auf Geheiß des Kurfürsten als Bilderstürmer betätigten.

Die Kirche erzählt auch von der persönlichen Tragödie dieses Kurfürsten: Ludwig VI. war seit 1563 Statthalter der Oberpfalz und musste vier seiner Kinder, keines älter als zwei Jahre, in Amberg beerdigen. Die vier Fürstengräber in der Basilika künden davon. Schauen sich heutzutage Kinder in St. Martin um, flüstern sie oft voller Faszination: "Da ist ein Ritter hinter dem Hochaltar." Stimmt auch, aber es ist ein toter. Das Hochgrab mit der Figur eines Ritters in Rüstung und mit Waffen beherbergt den Leichnam von Erbprinz Ruprecht Pipan von der Pfalz. Der Sohn des Kurfürsten und späteren Königs Ruprecht III. zog 1396 mit den Ungarn in die Schlacht von Nikopolis gegen die Osmanen. Als kranker Mann kehrte er heim und starb, noch keine 22 Jahre alt, 1397 in Amberg.

Wo diese Historiensplitter nicht ausreichen, um die Herzen der Besucher zu berühren, schaffen es vielleicht die Kunstwerke. Wie zum Beispiel die Fenster. "An einem sonnigen Herbsttag leuchtet die Kirche innen durch deren Farbigkeit geradezu", beschreibt es Laschinger. Seine Erfahrung ist, dass diese Basilika allen ans Herz greift, die sich ihr wirklich mit Interesse zuwenden: "Ich habe noch nie einen erlebt, der rausgekommen ist und dann bloß gesagt hat: 'Na ja, geht schon'."
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