Erinnert stark an Nazi-Jargon
Angemerkt

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, wurden Menschen jüdischen Glaubens ihrer geistlichen, religiösen und kulturellen Zentren beraubt. Drei Jahre später begannen die Nazis mit der systematischen Tötung der Juden, ab 1942 geschah der Massenmord industriell - in den Vernichtungslagern Auschwitz, Treblinka, Majdanek. Der 9. November ist ein Tag des Erinnerns. Er ist aber auch ein Tag der Mahnung. Rabbiner Elias Dray warnte am Montagabend bei der Veranstaltung in den Räumen der israelitischen Kultusgemeinde, wie gefährlich Polemik sein kann - auch 77 Jahre nach der Reichspogromnacht.

Erschütternd, wie hasserfüllt die Kommentare zu Flüchtlingen und Asylsuchenden im Internet vielfach sind; beschämend, mit welcher Vehemenz Vorurteile gebetsmühlenartig wiederholt werden; unsäglich, wie sich Gerüchte in Windeseile verbreiten und zur Wahrheit werden. Mancher der Kommentatoren schreibt stolz, dass er Bio-Deutscher sei. Ein ekelhaftes Wort, das vom Nazi-Jargon nicht weit entfernt ist. Oder macht einen die Gnade der Geburt in einem freiheitlich-demokratischen Land per se zu einem besseren Menschen?

Der Antisemitismus kam ab dem Mittelalter schleichend, Juden galten als Christusmörder und Brunnenvergifter, später hieß es: "Die Judensau". Wer heute Flüchtlinge generell als Schmarotzer, Invasoren und Asylbetrüger bezeichnet, darf sich nicht wundern, wenn er dafür in das rechte Eck gestellt wird. Gedankengut und Wortwahl lassen nämlich darauf schließen, das derjenige genau dort beheimatet ist.

kristina.sandig@zeitung.org

Hintergrund

Nur Klara Losch kehrte zurück

Amberg. (san) Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, lebten in Amberg noch 20 bis 25 Juden, 1933 waren es 83 gewesen. Alle unter 60-Jährigen wurden 1942 ins polnische Piaski deportiert. Die dortige jüdische Bevölkerung war zuvor in den Gaskammern ermordet worden. Alle, die über 60 Jahre alt waren, kamen ins "Altenheim" Theresienstadt, ein Vorzeige-Konzentrationslager der Nazis. Von den Deportierten kehrte nur Klara Losch zurück, schwerkrank. Sie starb 1953. Von den 83 Juden, die bei der Machtergreifung durch die Nazis in der Stadt lebten, kamen 30 in den Gaskammern um oder wurden erschossen. Drei setzten angesichts der aussichtslosen Lage ihrem Leben selbst ein Ende. Die anderen hatten es geschafft, auszuwandern. Einer davon lebt heute als 94-Jähriger in Amerika.
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