Erste Operation an Neugeborenem mit offenem Rücken
Baby außer Gefahr

Das Neugeborene kam in einem anderen Krankenhaus zur Welt und wurde am zweiten Tag nach der Entbindung zu uns gebracht.

Das Klinikum St. Marien jubelt: Zum ersten Mal ist ein Neugeborenes mit einem offenen Rücken operiert worden. Der Eingriff war schwierig, verlief aber ohne Komplikationen.

Durchschnittlich eines von Hundert Babys kommt in Mitteleuropa mit einer sogenannten Spina bifida zur Welt. Dabei handelt es sich um eine Fehlbildung des Rückenmarkkanals, im Volksmund auch offener Rücken genannt. Oberärztin Eleni Karakosta, die seit Kurzem das Team der Neurochirurgie am Klinikum verstärkt, ist Expertin auf diesem Gebiet: "Bei dem Eingriff müssen wir den Spinalkanal komplett durch eigene Transplantate oder Ersatzmaterial sehr fein rekonstruieren", berichtete sie. "Das Wichtigste ist, dass die offene Stelle dicht verschlossen wird, damit kein Nervenwasser austreten kann."

Hohe Infektionsgefahr

Beim offenen Rücken werden zwei Formen unterschieden: Ist nur der Knochen offen, muss die Spina bifida in der Regel nicht behandelt werden. "Bei fortgeschrittenen Formen dagegen sind auch die Haut und alle Strukturen, die das Nervengeweben eigentlich abdecken, offen", erklärt Dr. Richard Megele, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie. "Die neuralen Strukturen liegen dann fast frei, meist nur durch eine sehr dünne und durchsichtige Schicht abgedeckt, die bei der Geburt oft verletzt wird." Liegt diese offene Form der Spina bifida vor, besteht dringender Handlungsbedarf.

So schnell wie möglich nach der Entbindung - spätestens 72 Stunden danach - sollte ein solcher offener Rücken operativ verschlossen werden. "Je länger man damit wartet, desto größer wird die Infektionsgefahr", erklärt der Neurochirurg.

Eine Spina bifida bringt - je nachdem in welchem Bereich der Wirbelsäule die Fehlbildung liegt und wie schwer sie ist - weitere neurologische Einschränkungen mit sich: "Das kann von Blasen- und Darmentleerungsstörungen bis hin zu Lähmungen in den Beinen gehen", sagt Oberärztin Eleni Karakosta. "Diese Beeinträchtigungen sind durch den Eingriff nicht automatisch weg, aber die neurologische Situation stabilisiert sich danach in der Regel."

Per Ultraschall sichtbar

Normalerweise kann eine Spina bifida schon vor der Geburt per Ultraschall im Mutterleib festgestellt werden. Dann sollte die Mutter am besten in einer Klinik entbinden, in der diese Fehlbildung an der Wirbelsäule direkt nach der Geburt behandelt werden kann. "Das war bei diesem Baby nicht der Fall. Das Neugeborene kam in einem anderen Krankenhaus zur Welt und wurde am zweiten Tag nach der Entbindung zu uns gebracht - zuerst zur genauen Abklärung des Befundes und dann zur OP, die ohne Komplikationen verlief", schildert Dr. Karakosta.

Zur Vorbeugung gegen Spina bifida raten Gynäkologen werdenden Müttern übrigens dazu, etwa vier Wochen vor der Empfängnis und vier Wochen danach zusätzlich Folsäure einzunehmen. Verschiedene Studien zeigen, dass so das Risiko für eine Fehlbildung des Rückenmarkkanals zwar nicht vermieden, aber dennoch wesentlich gesenkt werden kann.

Dr. Megele ist froh darüber, mit seiner neuen Oberärztin eine Fachfrau für Eingriffe dieser Art bei Neugeborenen zu haben. "Frau Karakosta ist außerdem Expertin im Bereich der Schmerztherapie der Wirbelsäule und der Wirbelsäulenchirurgie mit Fusionen", sagt der Chefarzt. "Dabei werden Instabilitäten in der Wirbelsäule (nach Unfällen oder durch langjährige Abnutzung) durch ein implantiertes Schrauben-Stabsystem, teilweise minimal-invasiv, stabilisiert."
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