Erster Master of the Uni-Vers

Die Vorfreude ist spürbar. Die Zuhörer sitzen auf ihren Plätzen. Alle Blicke sind nach vorne gerichtet. Gespanntes Schweigen erfüllt den Raum. Das Licht ist gedimmt. Ein junger Mann, hochgewachsen und braungelockt, tritt ans Mikrofon.

"Ich habe neulich versucht zu fliegen, also mit'm Flugzeug, und mein Pass war aber abgelaufen." Er berichtet, wie ihm keine Zeit mehr blieb, irgendetwas zu unternehmen. Er konnte den Pass nur am Schalter vorlegen: "Und ich hab dann überlegt, was ich machen kann. Vielleicht betteln oder 'ne ganz krasse Ausrede". Doch ihm fiel nichts ein. Und so erzählte er der Frau am Schalter "das schlechteste Argument auf der Welt jemals": "Ich möchte aber trotzdem fliegen."

Gemischtes Publikum

So beginnt der Finalbeitrag von Julian Heun, mit dem er den ersten Master of the Uni-Vers in Amberg gewinnt. Eine Viertelstunde vor dem Beginn des Poetry Slams, einem Autoren-Wettstreit mit selbstverfassten Texten, sitzen die etwa 200 Zuschauer schon auf ihren Plätzen. Das Publikum ist bunt gemischt: Leute in Anzügen, in Pullis, mit Dreadlocks, grauen Haaren und Piercings. Das Interesse für den Poetry Slam, der schon in Regensburg ein Riesenerfolg war, macht vor keinem Alter halt.

Die Organisatoren Thomas Spitzer und Ko Bylanzky, die den Master of the Uni-Vers vergangenes Jahr in Regensburg ins Leben gerufen haben, moderieren mit Scherzen, die aus dem Moment entstehen. Für Musik zwischen den Beiträgen sorgt Felix Kaden von Culture Epic Sound. Durch dramatische Einspielungen wie "Spiel mir das Lied vom Tod" sorgt er für zusätzliche Spannung in entscheidenden Momenten.

Bevor die Teilnehmer mit den Rededuellen beginnen, erklären die Moderatoren die Regeln. Eine Runde Testapplaus soll den Zuschauern verdeutlichen, was die Moderatoren von ihnen verlangen. Das Publikum entscheidet über den Gewinner. Also gibt es einmal dezentes Klatschen für eine "so lala"-Vorstellung, lautes Klatschen für "ein sympathisches Kerlchen, das ihr gleich in euer Herz schließt". Und eine Kombination aus Pfeifen, Klatschen und Stampfen für einen Auftritt, bei dem "Magie in der Luft liegt". Die Moderatorenbeschreibung dazu lautet: "Der Text ist so wunderbar, dass ich ihn meiner Tochter ins Gesicht tätowieren will."

Es gibt zwei Duell-Runden, bis Heun und sein Kontrahent Sulaiman Masomi im Finale stehen. Seit kurzem ist Julian Heun wieder Single, berichtet er. Vor jedem seiner Beiträge lässt er den Namen des neuen Freundes seiner Ex-Freundin vom Publikum ausbuhen. Er würde gerne Frauen kennenlernen, doch es fällt ihm schwer, sie anzusprechen. Anmachsprüche kann er sich nur zur Hälfte merken. "Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein." "Warum?" "Keine Ahnung. Weil du aussiehst, als wärst du im Knast aufgewachsen."

Die Zuhörer jubeln. Jeder Teilnehmer versucht, nicht nur durch einen guten Text zu überzeugen, sondern liefert auch eine passende Darstellung dazu. Sie verstellen die Stimmen, gestikulieren, reden mal schnell, mal langsam. Die Texte reimen sich nicht immer, sondern haben häufig Erzähl-Charakter. Heun verknüpft die Worte oftmals so geschickt gereimt, dass der Zuhörer Mühe hat, zu folgen: "Wo sind die Kids, die mit spritzender Tinte Rilke in die Sitze ritzen? Die im Bus der Kultur ganz hinten sitzen, die im Buchladen ganz unten liegen, die beim Slam aus der ersten Runde fliegen?"

"Könnte öfter sein"

Nach rund zwei Stunden soll die Entscheidung fallen. Im ersten Applaus-Anlauf ist das Publikum unentschieden. Und dann wird es doch deutlich: Julian Heun ist der erste Master of the Uni-Vers in Amberg. Organisator Thomas Spitzer, sein Kollege Ko Bylanzky und Wolfgang Dersch, Kulturreferent der Stadt Amberg, sind zufrieden. Das Publikum ist es wohl auch. Ein junger Mann fasst seine Eindrücke des Abend zusammen: " Könnte auch öfter sein ..."
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