Es ist heiß. Die Wasserflaschen stehen schon auf dem Tisch.
Weihnachten im Hochsommer

Hüseyin Göz ist der Vorsitzende des Vereins Bildung und Kultur. In der Moschee, die der Verein im Hafnergässchen betreibt, stehen während des Ramadan jeden Abend Speisen und Getränke parat. Die Moslems pflegen das Fastenbrechen nach Einbruch der Dunkelheit am liebsten in der Gemeinschaft. Bild: Huber
Es ist heiß. Die Wasserflaschen stehen schon auf dem Tisch. Doch Harun Celik (25) darf erst essen und trinken, wenn die Sonne untergegangen ist - auch bei 30 Grad. Der für Freitag angekündigten Hitze allerdings sieht er gelassen entgegen.

Mit Einbruch der Dunkelheit endet morgen Abend der Ramadan. 29 Tage lang hat Harun dann gefastet - streng nach den Regeln des Islam. "Für mich war das ja nicht so schlimm", sagt der 25-jährige Student (Erneuerbare Energien) an der Ostbayerischen-Technischen Hochschule in Amberg. "Es ist ein Unterschied, ob man bei 30 Grad im Schatten auf einer Baustelle schuften muss oder im klimatisierten Hörsaal sitzt."

Minutengenauer Zeitplan

Die Moslems, die sich in der Moschee im Hafnergässchen treffen, haben allesamt erfüllt, was der Koran für den Fastenmonat vorsieht: Kein Essen und Trinken vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang. Enthaltsamkeit - beim Rauchen, wie beim Sex - von früh bis spät. Dazu regelmäßiges Beten, mindestens fünf Mal am Tag. "Das klingt zwar schwer", sagt Harun. "Aber es hilft einem im Leben. Man lernt, seine Bedürfnisse zurückzustellen, sich selbst zu kontrollieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren." Der Student kennt die 40-tägige Fastenzeit der Christen. "Die hat ja einen ganz ähnlichen spirituellen Kern."

Erst wenn es dunkel ist, genauer gesagt mit Beginn des Abendgebetes, dürfen die Moslems im Ramadan zur Wasserflasche greifen. Dabei gilt ein minutengenauer Zeitplan für jeden Punkt der Erde. Heute zum Beispiel beginnt das Fastenbrechen in Amberg um 21.27 Uhr. Nicht einmal vier Stunden später, um 1.22 Uhr endet es auch schon wieder. So steht es in einem Kalender, den es mit abweichenden Uhrzeiten für jede Stadt auf dem Globus gibt.

Auch Hüseyin Özarslan (40) fastet. "Wenn der Ramadan in den Hochsommer fällt, ist es natürlich für alle ein bisschen schwieriger", sagt der Maschinenbediener bei der Firma Grammer. "Ich hatte aber noch nie Probleme. Auch bei der Arbeit nicht." Sohn Bünyamin (9) besucht die dritte Klasse der Max-Josef-Schule. Er muss die strengen Fastenregeln noch nicht einhalten. "Ich hab mal probiert, einen Tag durchzuhalten, aber das war mir zu schwer", erzählt er. Mit zwölf Jahren, so hat er sich vorgenommen, will er den Großen nacheifern.

Befreiung vom Imam

Zum Fasten verpflichtet ist grundsätzlich jeder gesunde Moslem ab der Pubertät. "Das ist ein fließender Übergang", erklärt Harun. "Die Kinder werden langsam herangeführt und irgendwann schaffen sie es dann." Wie im Christentum gibt es Ausnahmen für Kranke, Schwangere und Alte. Explizit ausgenommen sind auch Reisende, wenn sie Strecken von mehr als 90 Kilometern unterwegs sind. "Auch für verschiedene Berufe oder Tätigkeiten gibt es Ausnahmen", sagt der OTH-Student. Eine entsprechende Befreiung erteile auf Anfrage der Imam.

Hüseyin Göz (41) ist Vorsitzender des Vereins Bildung und Kultur, der die Moschee im Hafnergässchen betreibt. Er ist von Beruf Postbote und hatte Glück. Während der vergangenen Hitzewelle hat er gestreikt, was das Fasten erheblich erleichterte. Am Freitag soll es wieder heiß werden. Trinken ist dann auch für fromme Moslems keine Glaubensfrage mehr. "Mit Ende des Ramadans beginnt das dreitägige Zuckerfest", erklärt Harun. Verwandte und Freunde treffen sich zum Festmahl, die Kinder werden beschenkt. "Das ist vom ganzen Drumherum ungefähr vergleichbar mit Weihnachten. Nur ohne Schnee."
Weitere Beiträge zu den Themen: Juli 2015 (8666)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.