Fenster in die Vergangenheit

Der heilige Vinzenz von Paul gilt wegen seiner Fürsorge für Waisen und Kranke als Ursprung der Caritas-Bewegung: Auf dem Glasfenster in St. Marien ist er deshalb mit einem kleinen Wickelkind im Arm zu sehen. Ein Mann in Lumpen und mit Krücke kniet vor ihm. Bild: Hartl

Das Klinikum St. Marien erinnert weder vom Gebäude noch von der Ausdehnung her an das Marienspital, aus dem es einst hervorgegangen ist. Wer weiß, wo er hinsehen muss, findet aber trotzdem noch Spuren von damals. Und die sind wirklich einen Blick wert.

Stadtheimatpflegerin Beate Wolters lenkt ihn auf die drei großen, rundbogigen Glasfenster, die heute in den langen Krankenhausfluren den Ort der modernen Kapelle anzeigen: "Diese sind vielleicht das sichtbarste Zeichen des alten Marienspitals", dessen Grundstein 1847 gelegt wurde.

Keine Kirchenfenster

"Die Glasfenster mit ihren religiösen Motiven erwecken den Eindruck von Kirchenfenstern." Vielleicht, so mutmaßt Wolters, sei so die - falsche - Annahme entstanden, dass sie zur ehemaligen Krankenhauskapelle gehörten. "Tatsächlich aber waren sie in den Räumen der Krankenschwestern, die dem Orden der barmherzigen Schwestern angehörten, angebracht." Diese hätten lange den Pflegedienst im Marienspital versehen.

Die Darstellungen sind laut Wolters thematisch auf das Spital und seine Krankenpflegerinnen zugeschnitten. Von den ehemals fünf Exemplaren sind nur noch drei erhalten. "Sie zeigen Maria mit dem Kind als Namensgeberin des Spitals, den heiligen Karl Borromäus, der zu seinen Lebzeiten Pestkranke versorgt hat, und den heiligen Vinzenz von Paul, dessen Fürsorge für Waisenkinder und Invalide heute als Ursprung der Caritas-Bewegung gesehen wird", erläutert die Heimatpflegerin.

"Liebe sei Tat"

"Gerade mit Letzterem fühlten sich die barmherzigen Schwestern, auch Vinzentinerinnen genannt, besonders verbunden, hatte doch der Papst den Heiligen zum Schutzpatron des weiblichen Ordens gemacht", erläutert Wolters.

Gegründet habe Vinzenz von Paul die Vinzentinerinnen zwar nicht, aber Zeit seines Lebens - er starb 1660 - habe er sich als Priester um Waisen und Kranke gekümmert. Mit seinem Leitsatz "Liebe sei Tat" begeisterte er junge Männer, die sich im Orden der Vinzentiner oder Lazaristen sammelten. Der weibliche Zweig entstand erst nach seinem Tod, 1734, und spezialisierte sich auf Krankenpflege.

Neugotische Glasmalerei

Die Anordnung der Fenster mit dem Marienmotiv im Zentrum und den beiden Heiligen zu den Seiten dürfte auch am ursprünglichen Ort so gewesen sein, meint Wolters. "Die fast ebenerdige Aufstellung ermöglicht uns heute einen genauen Blick auf die Glasmalerei des 19. Jahrhunderts. So können wir die wenigen Blei-Stege sehen, die typisch sind für die neugotische Glasmalerei, auch Pinselspuren oder Kratzrillen, um ,Lichter' zu setzen." Maria sei hier das Zentrum und auch als Einzige frontal, auf einem Thron sitzend, dargestellt. Die beiden Heiligen würden dagegen schräg von der Seite gezeigt, hinterfangen von einer Art halbrunder Kapelle.

Die Himmelskönigin

"Bereits in den breiten, ornamentalen Rahmen mit pflanzlichen Motiven wird Maria ausgezeichnet. Stilisierte Rosen als Mariensymbol begleiten das Halbrund des Fensters. Maria hält ein weiß gekleidetes Christuskind im Arm, das mit einem Reichsapfel spielt. Szepter und die von Engeln gehaltene Krone weisen sie als Himmelskönigin aus. Ihr traditionell rotes Kleid und blauer Mantel leuchten stark farbig."

Dagegen erscheinen nach Wolters Worten die beiden Heiligen, Karl Borromäus und Vinzenz, ganz reduziert in der Farbigkeit. "Bei Vinzenz können wir sogar von Grisaillemalerei sprechen, also von Malerei in einem Ton." Die Heiligen würden von der thronenden Gottesmutter überstrahlt, ihr irdisches Wirken vor der Himmelskönigin ausgebreitet.
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2014 (1863)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.