Freispruch vor Amberger Gericht: Handwerksmeister soll Lehrling an die Hoden gegriffen haben
Was "EKG" alles bedeuten kann

Auf der Anklagebank saß ein 40-jähriger Handwerksmeister, der in dem Verdacht stand, aus unerfindlichen Gründen einem seiner Lehrlinge dorthin gegriffen zu haben, wo ein Mann die heftigsten Schmerzen empfindet. In einem internen Dossier meldete das Amberger Jugendamt der Polizei, dass es sich bei den der Behörde bekannt gewordenen Übergriffen um sogenannte "EKG" handelte.

Schmerzhafte Griffe

Eine Formulierung aus der Medizin? Die Ordnungshüterin verstand nicht ganz, begehrte genauere Information und hörte: Bei den Buchstaben "KG" drehe es sich um das Wort "Kontrollgriff". Und das "E"? Dieser Buchstabe, so wurde ihr offenbart, bezeichne in der landläufigen Umgangssprache die zu jedem Mann gehörenden Hoden. Die Exekutive begann zu ermitteln und konnte sich dabei auch auf die persönliche Vorsprache eines damals 17-Jährigen stützen, der samt Großvater auf dem Revier erschien und dort zu Protokoll gab, sein Chef habe ihn mehrfach durch hinterrücks erfolgende schmerzhafte Griffe in die weit ausfallende Arbeitshose attackiert. Die Hand des Prinzipals sei blitzartig vorgeschnellt und hätte zwischen den Beinen zugedrückt. Qualvoller Schmerz, Situationen persönlicher Erniedrigung. Grundlos und gesteuert wohl, um etwas Erheiterung in den Alltag zu bringen.

"Erstunken und erlogen", entrüstete sich der jetzt vor einen Amberger Richter zitierte Handwerksmeister, der um seine Ausbilderlizenz bangen musste. Niemals habe er sich in solcher Weise seinem Untergebenen genähert, versicherte der 40-Jährige. Doch der ihm gegenüber sitzende Lehrling, dessen Anwalt seinem Mandanten gewisse "geistige Defizite" zuschrieb, beharrte darauf: "Doch, das war so." Insbesondere dann, wenn er vor seinem Lehrherrn auf dem Boden gekniet habe, um dort die ihm befohlenen Tätigkeiten zu verrichten.

Über Monate hinweg sei das so gegangen, beklagte der heute 19-Jährige. Allerdings hatte die Staatsanwältin in ihre Anschuldigungsschrift nur drei Fälle im Hinblick auf die Nachweisbarkeit aufgenommen. Je länger sich aber der Prozess hinzog, desto dünner wurde die Beweislage. Denn es skizzierte sich heraus: Bei zwei der angeblich stattgefundenen sexuellen Belästigungen war der Lehrling nicht mehr in dem Unternehmen beschäftigt. Also wurde seitens der Anklagebehörde zurück gerudert, blieb - wenn man so wollte - nur noch ein Griff des Handwerksmeisters in die Hose seines Lehrlings übrig. Für diese Attacke im Unternehmen, in dem (und dies war unbestritten) ein recht salopper Umgangston herrschte, kam die Forderung nach 1200 Euro Geldstrafe. Auch eine solche ermittlerische Bilanz ging an das Nervenkostüm des vor die Justiz geholten Handwerksmeisters. Er blieb dabei: "Alles aus der Luft gegriffen!"

"Bester Chef der Welt"

Amtsrichter Markus Sand entließ den 40-Jährigen mit einem Freispruch aus dem Sitzungssaal. "Der Lehrling und sein Meister wissen, wie es wirklich war. Wir aber nicht", entschied er nach vierstündigem Prozess. Zuvor hatte ihm ein weiterer Auszubildender versichert: "Ich habe nichts gesehen." Dann deutete der junge Mann auf seinen Lehrherrn und attestierte ihm: "Er ist der beste Chef der Welt".
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