Früher Kreta, heute Reha

Zwei Stunden saß Toni Lauerer im Kongresszentrum und erzählte, kalauerte und witzelte. Damit traf er den Nerv seiner zahlreichen Zuhörer. Bild: Hartl

Was ist eine "Kisascho"? Wer das an Toni Lauerers Stammtisch bestellt und außerdem noch einen Salat mit Putenstreifen ordert, der startet einen Frontalangriff auf oberpfälzische Wirtshaustraditionen. Wenig Bier, keine Schweinshaxn. Der Anton aus Furth im Wald bedauert das und ist entsetzt.

Was hat diesen Standesbeamten aus dem Bayerwald so populär gemacht? Vorrangig wohl seine regelmäßigen Eineinhalb-Minuten-Auftritte im Rundfunk. Dem Volk aufs Maul geschaut statt Trauungsreden halten.

Passwort: Weißwurst

Beides kann er, der Toni Lauerer. Auch wenn manchmal die Gags etwas bieder daherkommen. Doch Tag für Tag einen Geistesblitz herauszuschleudern, ist schwer. Mitunter geht Lauerer auf Hallentour. Da sitzen dann, wie am Donnerstag im ACC, Hunderte von Leuten und hören dem Toni zu. Ist das Kabarett, was er macht? Nein, das ist es nicht.

Dafür bekommen seine Zuhörer einen durchaus amüsanten Spaziergang zu den oberpfälzischen Befindlichkeiten unserer von Facebook und anderen für den älteren Bajuwaren schwierig zu definierenden Zeiterscheinungen geboten. Manchmal wird dieser Streifzug etwas seicht. Doch dann legt sich Lauerer sofort wieder in die Riemen und steuert in tiefsinnigere Gewässer. Er, der nun bald 56 Jahre alt wird, hat so seine Erfahrungen gemacht. Mit den Spezln im Wirtshaus, beim Besuch von Arztpraxen, beim Balanceakt in Internetforen, bei denen er sich mit dem Passwort "Weißwurst" Zugang verschafft. Ständig erfolglos auf der Suche nach Gags für sein neues Programm. Eine Pirsch ohne erlegten Hirsch. Denn was ihm widerfährt, dem Lauerer, passt wenig in sein Weltbild und stimmt ihn abgrundtief traurig. Kirschsaftschorle (abgekürzt: Kisascho) statt schäumender Masskrüge am Stammtisch? Schauderhaft.

Der Salat mit Putenstreifen anstatt einer reschen Schweinshaxe, die das Fett übers Kinn tropfen lässt? Eine apokalyptische Vorstellung. Doch sie ist Realität. Die Tradition sieht sich Attacken des Zeitgeistes ausgesetzt. Dazu gehört auch, dass nicht mehr das Wort "Prost" erklingt, stattdessen in der lockeren Tischrunde nur noch von "Prostata" die Rede ist und nachgefragt wird, wie oft der Kamerad des nachts zum Pieseln hinaus muss. Lauerer spießt sie auf, die Spießer und verkommenen Kleingeister. Er schreitet wie ein Provinz-Gladiator durch die zunehmend sich seiner Welt entfernenden Gepflogenheiten. Der Oberpfälzer kämpft mit den Tücken von EC-Karten und beschreibt die Bedienung Reserl, die vor 25 Jahren resch und schlank war und heute zur Res mutiert ist. "Halbierter Name, verdoppelter Umfang."

Blähungen im Wartezimmer

Oft erinnert sich Lauerer vergangener Zeiten. Damals, als noch nach Malta, Kreta und Mallorca gereist wurde. "Jetzt fahren sie nur noch nach Reha." Nicht des Spaßes und der Weiber wegen. Anlass ist, so hat er ausgemacht, die Erneuerung von Hüft- und Kniegelenken. Ungern sitzt Toni Lauerer in ärztlichen Wartezimmern. Weil dann die von der Frau Gemahlin mit der Praxis vereinbarte Darmspiegelung droht oder weil ihn etwas oberhalb des Allerwertesten zwickt. Solchen Stätten will der Anton aus Furth nur noch entfliehen. Zumal dann, wenn dort einer sitzt, der offenbar wegen Blähungen den Herrn Doktor aufsucht.

Zwei Stunden mit einem, der ganz allein vor seinem Publikum sitzt. In Amberg haben sie ihn, den Lauerer, verstanden und lang applaudiert. Anders ist das droben in Würzburg. In Franken kommt sein Dialekt als Buch mit sieben Siegeln an. Aber sie lachen trotzdem. "Aus Mitleid", wie der wohl bekannteste bayerische Standesbeamte ausgemacht hat.
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