Ganz oben grüßt jemand ins Jenseits

Ganz oben auf der Bürgerskulptur räkelt sich diese Schönheit im Sonnenlicht: Diese Platte ist eine Reminiszenz an die verstorbene Bildhauerin Jutta Brandau aus Kastl, eine Weggefährtin der Projektinitiatorin Hanna Regina Uber. Die Schnur gehört eigentlich nicht dazu. Bilder: upl (4)

Die Bronzetafeln, die die Bürgerskulptur auf Augenhöhe schmücken, kennt jeder. Wie aber sehen die Platten aus, die oben auf der Kugel montiert sind? Die AZ hat per Hebebühne nachgeschaut und ein paar verborgene Schätze aufgespürt.

Ganz oben auf dem drei Meter hohen Kunstwerk hat sie ihren Platz: Die sich in der Sonne räkelnde Schönheit, die Jutta Brandau aus Kastl geschaffen hat. Sie schickt einen Gruß in den Himmel, denn Brandau, ihre Schöpferin, ist seit zehn Jahren tot. "Sie war eine begnadete Bildhauerin. Sie war Holzbildhauermeisterin und hat in München Kunst studiert", erzählt Hanna Regina Uber, die die Bürgerskulptur zusammen mit ihrem Partner Robert Diem inittiiert hat. "Bei ihr habe ich meine Ausbildung zur Holzbildhauerin gemacht. Sie hat mir diese Skulptur vor vielen Jahren in Wachs geschenkt. Wir haben sie dann für die Bürgerskulptur gegossen und am obersten Punkt angebracht - damit sie sie von oben sehen kann."

Jede der rund 1300 Bronzeplatten hat ihre eigene Geschichte. Viele Hinweise auf persönliche Lebensereignisse sind darunter - Andenken an Verstorbene, Freude über Neugeborene, Liebesschwüre, gute Wünsche zur Hochzeit -, aber auch Lebensweisheiten und politische Statements. So wie jenes, das an der Bahnhofseite der Kugel prangt. "Die Individualität jedes Einzelnen ist der Wert der Gesellschaft. Kein Platz für menschenverachtenden Faschismus!" Aus der Tafel darüber wächst ein Kopf hervor, aus dessen linkem Auge Tränen fließen. "Die Platte mit dem Kopf ist von mir. Sie gehört zu dem Text, der auf der Tafel darunter zu lesen ist", sagt Regina Uber. "Es geht um Individualität, Toleranz und Meinungsfreiheit." Eine Intention, die hinter dem ganzen Projekt steht.

Natürlich haben viele auch nur für sich und ihre Heimat Flagge gezeigt, Ambergs Partnerstädte etwa. Von Desenzano (Italien) bis Trikala (Griechenland) - in jeder befreundeten Kommune machten sich Menschen Gedanken über die Bürgerskulptur und gestalteten sie mit. Auch Gemeinden aus der Umgebung haben auf dem Kunstwerk ihre Visitenkarte hinterlassen, Kindergärten, Schulen, Behörden und Unternehmen. Oder die beiden Sulzbach-Rosenberger Nina und Klaus Schäfer. Tochter und Vater verpassten der Kugel einen Gruß aus der Nachbarstadt - ein modelliertes Sulzbach mit Stadtmauer und Tor, leider nur von oben zu sehen. "Wir freuen uns, dass unser Beitrag das Kunstwerk bereichert, auch wenn man ihn nicht sehen kann, weil er so weit oben ist", sagt Klaus Schäfer. "Man müsste die Kugel rollen können." Das geht - allerdings nur virtuell. Studenten der Ostbayerischen Technischen Hochschule haben eine 3D-Animation für das Internet entwickelt, mit der jede einzelne Tafel angesteuert werden kann. "Wir bekommen immer noch viel positives Feedback", freut sich Künstler Robert Diem. "Die Kugel birgt viele Geheimnisse. Symbole, die nur diejenigen verstehen, die sie gemacht haben." Viele Leute haben dem Aschacher Künstlerpaar erzählt, was sie bewegt hat, als sie vor dreieinhalb Jahren die Wachsplatten angeliefert haben. Diem: "Wir kennen nicht jede Geschichte. Aber wir wissen: Oft bedeuten die Platten viel mehr, wie man auf den ersten Blick sieht."

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Das Kunstprojekt im Internet:

http://www.buergerskulptur.de
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