"Gesundbleiben ist anstrengend"

Prof. Dr. Anton Scharl ist ausgewiesener Spezialist für Krebserkrankungen der Brust und der weiblichen Genitalorgane. Bereits mehrmals stand auf der Fokus-Ärzte-Liste als einer der besten Mediziner Deutschlands. Der gebürtige Amberger ist Leiter des Brustzentrums am Klinikum St. Marien und Mitglied bzw. Vorsitzender der Kommissionen und Arbeitsgruppen, welche die für Deutschland gültigen Behandlungsempfehlungen festlegen. Bild: wsb

Frauen trifft es am häufigsten. Aber ein Knoten in der Brust ist kein Todesurteil. Die Heilungschance liegt sogar bei über 80 Prozent. Professor Dr. Anton Scharl, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum St. Marien, gibt im "Brustkrebsmonat Oktober" ein Interview, das Hoffnung macht.

Vitaminpillen oder exotische Extrakte sind kein Allheilmittel. Aber Sport und gesunde Ernährung haben einen enorm großen Anteil am Gesundbleiben, so der Leiter des Amberger Brustzentrums.

Brustkrebs ist die Art von Krebs, die am häufigsten bei Frauen vorkommt. Warum?

Die Zahlen in Deutschland liegen zwischen 60 000 und 70 000 Neuerkrankungen im Jahr. Von 100 Brustkrebserkrankungen tritt eine beim Mann auf. Man kann nicht beantworten, warum es Brustkrebs so häufig gibt, aber man kann sagen, warum es häufiger auftritt als früher: Es ist auch eine Lifestyle-Erkrankung, eine die auf unseren Lebensstil zurückzuführen ist.

Welche Faktoren fördern Brustkrebs?

Brustkrebs wird besonders gefördert durch wenig Kinder und wenn man sie spät, als nach 30, bekommt. Das Risiko ist umso höher, je mehr Zeit zwischen Pubertät und Wechseljahre liegt. Außerdem wird es gefördert durch Übergewicht, viel Luxusernährung wie Fleisch oder Fett. Vor 50 oder 100 Jahren wurden die Leute lange nicht so alt, hatten viel mehr Babys, die Frauen stillten öfter, kamen später in die Pubertät, früher in die Wechseljahre, aßen weniger Fleisch, überhaupt weniger Kalorien, waren schlank und mussten mehr rumlaufen. In den Entwicklungsländern ist Brustkrebs seltener.

Gibt es speziell Zahlen für Amberg?

In der Oberpfalz gibt es etwa 600 bis 700 neue Brustkrebs-Fälle pro Jahr. Ich kann nicht sagen, wie viel in Amberg auftreten, aber wir behandeln etwa 250 pro Jahr im Amberger Brustkrebszentrum.

Wie steht es mit den Heilungschancen?

Das ist die gute Nachricht: Die Heilungschancen bei Brustkrebs sind immens gestiegen. Über 80 Prozent können definitiv geheilt werden.

Woran liegt das?

Das liegt in erster Linie an der besseren Behandlung. Wenn wir die Heilungsrate mit der vor 20 Jahren vergleichen, dann ist sie sehr viel besser geworden. In Deutschland steigt die Heilungschance pro Jahr um ein bis zwei Prozent. Wir haben sie von 1990 bis 2000 bei Frauen unter 40 Jahren sogar um ein Drittel verbessert.

Wie werden die erkrankten Frauen behandelt?

Bei den meisten Frauen besteht die Brustkrebs-Behandlung aus drei Komponenten: Operation, Strahlentherapie und einem medikamentösen Teil. Die Operation dient bei etwa 80 Prozent der Brusterhaltung, in 15 bis 20 Prozent der Fälle muss die Brust entfernt werden. Sie kann wieder aufgebaut werden. Aber viele wollen das nicht.

Bei der medikamentösen Therapie sind 80 Prozent der Erkrankungen hormonell behandelbar, indem man die weiblichen Geschlechtshormone wegnimmt. Manche Frauen brauchen noch eine Chemotherapie.

Bei der Immuntherapie greifen wir in Regelmechanismen ein und zwar in die Systematik wie der Tumor sich selbst zum Wachsen bringt. Diese Mechanismen blockieren wir - dann geht es dem Tumor schlecht. Der Vorteil bei diesen Behandlungen ist, dass sie sehr wenige Nebenwirkungen haben, da sie in den Mechanismus der Tumorzelle eingreifen, die eine gesunde Zelle weniger benötigt.

Wann merkt man, dass man Brustkrebs hat?

Wenn er nicht bei einer Früherkennung entdeckt wird, ist es meist ein tastbarer Knoten. Brustkrebs ist schon sehr früh kein alleiniges Problem der Brust, sondern des gesamten Körpers. Die Streuung findet von Anfang an statt. Sehr früh befinden sich die Tumorzellen im Blut. Das ist wie bei einem Löwenzahn, er sät sich aus. Entweder der Samen geht kaputt, dann bleiben Sie gesund. Oder eben nicht, dann können sich Metastasen bilden. Heutzutage versuchen wir durch eine medikamentöse Behandlung alle Tumorzellen, die im System sind, auch umbringen. Das ist der Punkt, warum wir die Heilungschance so sehr verbessert haben.

Früher wurde einfach die Brust entfernt.

Und die gestreuten Zellen blieben zurück. Das schwierige an der Brustkrebsbehandlung ist mittlerweile, dass man so viele Möglichkeiten hat. Wir stellen uns in jedem Fall die Fragen: Welche Eigenschaften hat der Krebs, was braucht er zum Überleben? Was braucht die Frau? Was machen wir nicht, weil die Relation Schaden zu Nutzen zu groß wäre? Das ist eine komplizierte Geschichte. Ein weiterer wesentlicher Grund, warum die Heilungschancen so gestiegen sind, ist, dass wir die Behandlung insgesamt anders organisiert haben. Früher ging man zum Arzt, der sagte, gehen Sie ins Krankenhaus und lassen Sie den Krebs rausschneiden. Heute wird im Brustzentrum - davon gibt es in der Oberpfalz vier, in Amberg, Neumarkt, Regensburg, Weiden - spezifisch für jede Frau die beste Behandlung gesucht. Untersuchungen der AOK haben ergeben, dass durch die Behandlung in einem zertifizierten Brustzentrum mehr Frauen überleben, als wenn die Therapie woanders erfolgt.

Viele Frauen berichten, dass Sie überhaupt nichts gespürt haben, bevor sie ihre Diagnose erhielten.

Das ist durchaus möglich. Es gibt Menschen, die sehr vorsichtig und ängstlich sind und Knötchen ertasten. Oder es gibt Menschen, bei denen der Tumor bereits durch die Haut bricht. Das sehen wir auch immer wieder. Oder man hat Metastasen im Körper und spürt Knochenschmerzen. Das wollen wir aber alles nicht. Wir wollen, dass der Krebs in einem Stadium festgestellt wird, in dem man noch gar nichts merkt, weil er noch klein ist. So klein, dass man nicht einmal etwas tasten kann. Je früher wir ihn entdecken, umso harmloser kann die Behandlung sein. Früherkennung bedeutet, eine weniger eingreifende Therapie zu haben.

Wie wichtig ist die regelmäßige Untersuchung?

Zum Frauenarzt gehen ist immer eine gute Idee.

Und wie ist das bei Männern?

Wenn Männer einen Knoten spüren, sollten sie auch zum Arzt gehen. Allerdings denken Männer oftmals gar nicht daran, dass es Brustkrebs sein könnte und lassen den Knoten heranwachsen.

Gibt es alternative Therapien?

Alternativ im Sinne von "anstatt" nicht, aber als Ergänzung absolut sinnvoll. Es gibt eine Behandlungsmethode, von der wir wissen, dass sie vergleichbar gute Erfolge hat wie etwa eine Chemotherapie: Das ist Gewicht halten. Oder noch eher: Abnehmen, die Ernährung ändern. Gerade die gefährlichste Form von Brustkrebs, das wissen wir heute, wird besser geheilt, wenn die Frau sich nach der Behandlung fettarm ernährt. Das ist natürlich hart. Abzunehmen ist für viele schon unter normalen Umständen schwierig. Das wichtigste ist jedoch nicht jeden Tag Fleisch und Wurst essen, sondern gesund leben. Normaler Kohl, Kartoffeln, Kohlrabi, Karotten, Obst - das ist genauso gut wie exotisches Gemüse. Was in China wächst ist nicht gesünder, als das, was bei uns wächst. Zweiter wichtiger Faktor ist Sport. Darunter verstehe ich nicht Fußball oder Karate, sondern Bewegung. Schwimmen, mit dem Hund spazieren gehen aber auch schwere körperliche Arbeit gilt als Sport.

Viele hoffen auf heilende Wundermedizin. Helfen zusätzliche Vitaminpräparate?

Einfach Vitamine nehmen? Das funktioniert nicht. Das ist nur sinnvoll, wenn ein Mangel da ist. Unser Körper ist darauf eingestellt, aktiv zu sein. Wenn er das nicht ist, entstehen Krankheiten. Die Krebszellen vermehren sich, wenn unser Körper nicht mehr so bewegt wird, wie er sich über Hunderte von Jahren eingestellt hat. Wenn man bedenkt, dass man heute nur noch im Durchschnitt täglich 600 Meter läuft und vor 100 Jahren zwölf Kilometer, kann man sich vorstellen, was sich verändert hat. Es gibt kein Zaubermedikament. Gesundbleiben ist anstrengend. Man muss es sich verdienen. Und das bedeutet Disziplin.
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