Griff Chef Lehrling an den Hoden?

Der Lehrling kniete am Boden. Da soll ihm der Meister mehrfach von hinten in die weite Arbeitshose gegriffen und dort zugepackt haben, wo es einen Mann am meisten schmerzt. Vier Stunden lang beschäftigte dieser Fall das Amtsgericht. Dann verließ der Chef eines Handwerksbetriebs den Saal mit einem Freispruch.

(hwo) Die Verhandlung vor dem Einzelrichter Markus Sand hatte kaum begonnen, als aus Richtung Anklagebank eine Mischung aus tiefer Verärgerung und Missmut in Worte gefasst und wie eine Kanonade abgefeuert wurde. "Alles erstunken und erlogen", entrüstete sich der 40-jährige Handwerksmeister.

Er verwies das, was ihm Staatsanwältin Michaela Frauendorfer vorgehalten hatte, in den Bereich von Hirngespinsten und äußerst abträglicher Ehrverletzung. Was die Staatsanwaltschaft dem Inhaber eines kleinen Amberger Betriebs anlastete, war heftig und hätte neben einer von der Justiz verhängten Strafe auch zum Entzug der Ausbildungs-Lizenz führen können. Denn bei Arbeiten in verschiedenen Amberger Anwesen sollte der Chef einem damals 17 Jahre alten Lehrling völlig überraschend mit der Hand von hinten in die Hose gelangt und dann zwischen den Beinen zugedrückt haben.

Aussage gegen Aussage

Das sei "in drei Fällen" so gewesen, konnte der Anklageschrift entnommen werden. Doch seinem Großvater gegenüber hatte der 17-Jährige davon gesprochen, dass sich dieser peinigende Griff eher regelmäßig über Wochen hinweg zugetragen habe. Der Senior, mit erzieherischen Aufgaben des Enkels beauftragt, wollte das zunächst als dummen Scherz verstanden haben. Dann aber erschien er mit seinem Schützling, dessen Klagen seinen Angaben zufolge nicht enden wollten, bei der Polizei. Die brachte ein Verfahren in Gang, das es in solcher Art bei der lokalen Justiz noch nicht gab.

Die Dinge wurden fast schon generalstabsmäßig genau geklärt. Oder besser: Der Richter unternahm alle nur möglichen Versuche, um die ihm vom angeblichen Täter und dem Auszubildenden geschilderten Versionen auf einen Nenner zu bringen. Doch so sehr sich Markus Sand auch abmühte, nachbohrte und insistierte: Aussage stand gegen Aussage.

Der Handwerksmeister beharrte auf seinem Standpunkt: "Völlig abwegig." Der heute 19-Jährige, zum Zeitpunkt der Anzeigeerstattung aus dem Betrieb ausgeschieden, ließ wissen: "Doch, das war so." Fest stand irgendwann nur, dass zwischen dem Unternehmer und seinen Untergebenen ein recht lockerer Umgangston herrschte. Worte wie "asozial" und "schwul" zählten offenbar zu diesem merkwürdigen Jargon. Gehörte dazu aber auch der Zugriff auf männliche Körperteile, die bei Druck schmerzhaft reagieren? Ein weiterer Lehrling, fast immer an den Arbeitsorten mit anwesend, verneinte und erzählte dem Richter: "Das ist der beste Chef der Welt."

"Geistige Defizite"

In der umfangreichen Beweisaufnahme kamen Zweifel auf. Denn es stellte sich heraus: In zwei der drei angeklagten Fälle war der heute 19-Jährige (sein Anwalt Karl Holzapfel: "Er hat geistige Defizite") nicht mehr in dem Unternehmen tätig. Kam hinzu: Der Großvater hatte in einem Brief an die Behörden mitgeteilt, die Übergriffe missliebiger Art auf den Jungen seien auch erfolgt, als sein von den Begebenheiten traumatisierter Enkel auf einer Leiter stand und nicht am Boden kniete, als sein Chef von hinten zur unverhofften Attacke schritt. Das bestritt der Enkel. Was seinen Opa zu der Bemerkung veranlasste: "Ich habe es kommen sehen und befürchtet."

Die Staatsanwaltschaft ruderte irgendwann zurück. In einem Strafbefehl hatte sie zunächst die Verhängung von 3000 Euro als Buße für die schwer diskriminierenden Zugriffe erreicht. Nun, in der nach einem Einspruch angesetzten mündlichen Verhandlung, ging Anklagevertreterin Frauendorfer nur noch von einem für sie nachgewiesenen Fall aus und verlangte 1200 Euro Geldstrafe wegen Körperverletzung und Beleidigung. Das mochte Verteidiger Jörg Jendricke keinesfalls hinnehmen. "An der ganzen Geschichte bestehen Restzweifel", sagte er dem Richter und forderte Freispruch.

Nicht schlauer

Den Freispruch gab es dann auch. "Der Angeklagte und der Lehrling wissen, was sich zutrug. Aber wir wissen es nicht", sagte Markus Sand und fügte hinzu: "Alle, die heute hier waren, haben sich viel Mühe gegeben. Aber schlauer sind wir nicht geworden."
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