Große Momente, die aufhorchen lassen

Die Münchner Symphoniker mit Kevin Edusei und der Geiger Ingolf Turban faszinierten im Stadttheater Amberg. Bild: Stephan Huber

Am Sonntagabend wurde die Amberger Konzertsaison eingeläutet, -gestrichen und -geblasen. Die Münchner Symphoniker mit Dirigent Kevin John Edusei sorgten mit einem klug komponierten und feinsinnig musizierten Programm für bemerkenswerte Hörerfahrungen.

Der neue Chef gibt gleich bei der eingangs gespielten Ouvertüre "Märchen von der schönen Melusine" op. 32 von Mendelssohn ein profiliertes musikalisches Statement ab, das aufhorchen lässt. Gertenschlank, elegant und lebendig kommt der Orchesterklang über die Rampe, außerordentlich differenziert und transparent, ohne herbstliche Dunstfelder und Nebelbänke.

Dann das Violinkonzert op. 8 des 17-jährigen Gymnasiasten Richard Strauss, zu dem ihn fachlich nicht gänzlich überzeugende Mathestunden inspiriert hatten. Dem Ludwigs-Gymnasium München sei gedankt! Der jugendliche Künstler lässt beim Solopart allerdings nichts aus, was viel Arbeit macht. Das Tintenfass mit Oktavgängen, Doppelgriffen und Akkorden wird reichlich, wenn nicht zu oft ausgegossen, man will dem Solisten fast das Beileid aussprechen. Der famose Ingolf Turban meistert den Part mit cooler Gelassen- und Überlegenheit.

Die vielen hohen Spitzentöne leuchten blitzsauber auf seiner samtig klingenden Geige. Die Sautillé-Triolen im Schlusssatz perlen mühelos. Dank der wunderbar geschmeidigen Begleitkultur des Orchesters ereignen sich im langsamen Satz große Momente fahler Pianissimo-Spannung. Das Lob fällt auch wieder zurück auf Edusei: Der 38-Jährige gehört zur jungen sympathischen Generation von Dirigenten, die weniger sich selber, sondern mehr die Partitur wichtig nehmen. Wie schon vor kurzem in Weiden mit dem Ensemble Kontraste fasziniert sein konzentriertes klares Dirigat.

Edusei arbeitet nicht herrisch mit seinen Musikerkollegen, er inspiriert sein Team zu einer Art orchestralen Kammermusik. Bei Mahlers Satz "Blumine", geplant aber verworfen für die 1. Sinfonie, hat er mehrere Altlackschichten abgebeizt. Souverän und schattiert das einleitende Trompetensolo. Geradezu vollendet und unvergesslich dann Schuberts "Unvollendete" Sinfonie. Gespenstisch-fahl die Pianissimo-Einleitung der Bassgruppe, mangels Fussschemel wäre das angemessene Niederknien im Stadttheater störend gewesen. Bestens ausgestimmte Holzbläser, die ein selten homogenes, nie ausfransendes Pianissimo beherrschen. Ein kraftvoll singendes, aber nie plärrendes Blech.

Tiefgründiger Schubert

Ein introvertierter, feinnerviger, tiefgründiger Schubert mit großräumigen Steigerungen, beklemmenden Ausbrüche und erschütternden Abstürzen. Nach diesem eindrucksvollen Einstand kann man den Münchner Symphonikern zu ihrem neuen Chef Kevin John Edusei nur gratulieren. Man sollte sich den Namen merken.
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