Heimischer Käfig

Eigentlich sind Laurence (Nora von Collande) und Pierre (Herbert Herrmann) bei seinem Geschäftspartner zum Essen eingeladen. Laurence verweigert sich aber der gesellschaftlichen Erwartung und will mit ihrem Mann reden. Die Folge: Sie verspäten sich immer mehr. Genauer gesagt kommen sie "Anderthalb Stunden zu spät". Bild: Hartl

Das Traumpaar des Boulevard-Theaters steht wieder einmal in Amberg auf der Bühne: Herbert Herrmann und Nora von Collande spielen im sehr gut besuchten Stadttheater das Stück "Anderthalb Stunden zu spät".

Ja, was kommt dann, wenn er, Pierre (Herbert Herrmann), in den Ruhestand geht und sie, Ehefrau Laurence (Nora von Collande), ihn womöglich ständig zu Hause ertragen muss? Fragen über Fragen erörtert das Traumpaar des Boulevard-Theaters ausgerechnet an dem Abend, der eigentlich für einen Besuch bei Freunden eingeplant war. Pierre wartet schon fertig angezogen darauf, dass seine Frau endlich fertig wird. Das wird aber so schnell nichts. Denn sie will lieber lästern und reden: Über sich, die Kinder und ihre Beziehung, über leere Kästchen der Freundin und Lebensjahre, die wie im Flug vergangen sind. Was passiert zwangsläufig? Sie verspäten sich immer mehr. Laurence beklagt verpasste Chancen. Sie habe immerzu gewartet, dass ihr Mann erfolgreich im Beruf wird, dass die Wohnung eingerichtet ist, dass die drei Söhne in die Schule kommen, dass sie erwachsen werden und erfolgreich ihr Leben meistern.

Tolles Bühnenbild

Ihre Unzufriedenheit kompensiert sie mit dem Malen bunter Klecksbilder. Er reagiert mit Gegenangriffen, redet von Reglementierung und Unterdrückung, die vom Glas-Untersetzer aus Filz bis zu den Bröseln auf dem Fußboden reicht. Vielleicht hätte sie ja doch nicht zugunsten ihres Mannes und der Kinder wegen auf die eigene Karriere verzichten sollen? Und er war möglicherweise im heimischen Käfig auch nicht so ganz glücklich?

Fragen und Vorwürfe sausen wie im Pingpong-Spiel hin und her. Es macht unheimlich Spaß, diesem Schlagabtausch der beiden zuzusehen. Sie sind ja durchtrainierte Spitzenschauspieler und machen in allen Situationen eine perfekte Figur. Sportlich gebräunt im eleganten Anzug er - dezent geschminkt, chic und sexy mal im Malerkittel, dann im exklusiven Ausgehformat (Kostüm: Nora von Collande) sie.

Perfekt auch die Inszenierung (Regie: Herbert Herrmann) im sensationell gelungenen Bühnenbild. Da passt alles. Das mit Knallfarben unterbrochene Weiß der edlen Penthaus-Kulisse von Anja Wegener, die bunte Kissenarmada, die zerbrochenen Scherben, die kunstvoll wieder gekittet werden. Alles hat einen Sinn, eine Bedeutung, ohne aufdringlich zu sein. Jede Geste sitzt, jeder Gag kommt an. Herrmann und von Collande sind ja schon seit Jahren auch privat ein Paar. Man sieht, sie haben selber Freude an diesem Stück übers Zusammensein - trotz aller Verschiedenheit - und übers gemeinsame Altwerden. Sie wissen wie's geht!

Lustig und ernst

Auf die richtige Mischung von Spaß und Ernsthaftigkeit kommt es bei einem erfolgreichen Boulevardstück an. Leichte Kost ist immer schwer zu servieren, aber die beiden können das unheimlich professionell und doch sehr frisch und natürlich. Für den kurzweiligen Boulevard-Theaterabend erhalten sie reichlich Applaus.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.