Heißkalte Wechseljahre

Eine Frauenquote für das Publikum ist nicht nötig. Das Musical "Heiße Zeiten" erreicht sein Zielpublikum. Gefühlt 90 Prozent Angehörige des "schönen Geschlechts" füllen das Amberger Stadttheater.

Das Autoren-Team Tilman von Blomberg und Bärbel Arenz haben ihr "Hormonical", das schon öfter in Amberg zu sehen war, nach bewährtem Rezept gestrickt. Eine eher schlichte Rahmenhandlung, vier ausgeprägte Charaktere und Lieder, die jeder kennt und die zum Mitklatschen animieren.

Auf dem Flughafen treffen vier höchst unterschiedlich gepolte Damen im Wartebereich aufeinander. Die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit ist ihr Alter. Alle sind knapp vor oder mitten in den Wechseljahren. Die Opfer der hormonell bedingten Neuorientierung, die der Zufall zusammengewürfelt hat, kommen aus völlig gegensätzlichen sozialen Umfeldern, sind unterschiedlich geprägt und können ihre Abneigung gegen die jeweils anderen kaum verbergen. So entwickelt sich auf der Bühne ein veritabler Zickenkrieg. Die Dialoge, die der Autor den Protagonistinnen in den Mund legt, reizen - wie es sich für eine musikalische Komödie ziemt - die Zuschauerinnen und die dünn gesäten Zuschauer zu Lachsalven. Mit Wortwitz und Ironie bringt das bestens aufgelegte Quartett den Stoff lebensnah und mit hohem Wiedererkennungswert dar.

Überdrehte Interaktion

Die Damen, die in der Inszenierung von Katja Wolff schon früher Erfolge in Amberg feierten, verleihen mit ihrer Darsteller-Kunst ihren Alter Egos Herz und Verstand, aber auch ziemlich überdrehte Handlungsweisen in der Interaktion untereinander. Der Volksmund sagt dazu "Wenn die Hormone kreisen, geht der Verstand auf Reisen".

Charlotte Heinke spielte sehr differenziert die Entwicklung von der ultracoolen "Karrierefrau", die nichts erschüttern kann, bis sie bemerkt, dass sie ihre Geschäftsunterlagen vergessen hat. Hin zu einem verzweifelten und von Hysterie heimgesuchten Häufchen Elend, das hektisch versucht, die Lage zu retten. Eine ähnliche emotionale Kurve zeichnet die "Vornehme" Martina Mann. Mit aristokratischem Hochmut behandelte sie andere von oben herab. Bis sie genervt von den Anrufen der Familie, die auf der Suche nach dem aus dem Seniorenheim entfleuchten Vater ist, ihr Innerstes preisgibt. Diese Lebensbeichte einer emotional vernachlässigten Tochter gehört zu den sentimentalen Episoden im Stück. Sie sollen - bei allem Humor - ein wenig nachdenklich stimmen.

Noch nicht an der Klimakteriumsgrenze, aber knapp davor, ist Susanne Eisenkolb als die "Junge". Deren biologische Uhr, die sie zu höchst unüberlegten Handlungen treibt, hört das aufmerksame Publikum fast wirklich ticken. Die Identifikationsfigur schlechthin gibt Angelika Mann als "Hausfrau", die zum ersten Mal in ein Flugzeug steigen soll. Entsprechend aufgeregt ist sie von den ständigen Anrufen ihres unbeholfenen Ehegatten genervt, der schon in den ersten Stunden ihrer Abwesenheit den Haushalt in völliges Chaos verwandelt. Der größere Teil des Publikums kann das nachvollziehen, während die Männer mit Applaus sparen. Angelika Mann sei noch ein besonderes Kompliment gemacht: Unter den Vieren, die ihre komödiantischen, tänzerischen und gesanglichen Talente voll ausspielen, setzt sie mit ihrer Blues-Röhre einen einsamen Höhepunkt. Kaum zu glauben, welch energiegeladene Stimme in der nicht gerade groß gewachsenen Dame steckt.

Treffende Musik

Ein pantomimisches Talent muss der Darsteller-Riege bestätigt werden. In einer dialogfreien Szene lutschen die Damen ihr Steckerl-Eis in einer Weise, die einem Altherren-Witz entsprungen sein könnte. Ein weiteres Lob muss einem Quartett ausgesprochen werden, das nicht auf der Bühne, sondern dahinter agiert: Die Band, die für den musikalischen Background sorgt. Schlagzeugerin Lizzy Scharnofske, Meike Scheel an der Gitarre, Bassistin Katrin Schüler-Springorum und Doro Gehr, die die Combo vom Keyboard aus leitet, treffen den richtigen und vor allem stimmigen Ton. Damit sind sie wesentlich am Erfolg dieses "Damenabends" beteiligt.
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