Hennig Scherf ruft alte Menschen zu Kreativität auf und möchte, dass sie mit jungen Leuten ...
Nicht bloß über die Beerdigung nachdenken

Hennig Scherf signierte gerne seine Bücher. Bild: gf
Einer zum Anfassen. Einer, der den Kontakt zu seinen Zuhörern nicht scheut, sondern sogar sucht. Das ist Hennig Scherf, der ehemalige Erste Bürgermeister von Bremen, der nicht nur wegen seiner mehr als zwei Meter Länge zu den größten Politikern der Bundesrepublik zählt. Nahezu selbstverständlich war es für ihn, dass er vor seinen Ausführungen, zu denen Evangelisches Bildungswerk und Katholische Erwachsenenbildung in den Saal der Stadtwerke eingeladen hatten, jeden Zuhörer per Handschlag begrüßte.

Der EBW-Vorsitzende Siegfried Kratzer schilderte Scherf als Politiker, der mit dem Rad unterwegs war, um Bürgernähe praktisch zu leben, der bei Großdemonstrationen zwischen aufgebrachten Bürgern und Polizei vermittelte, der schon Kaffeepflücker in Nicaragua war. Mittlerweile sei Scherf 77 und seit 55 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Er habe drei Kinder und neun Enkel, singe gerne und sei Präsident des Deutschen Chorverbandes.

Oft im Urlaub hier

Mit der Oberpfalz sei er schon seit Jahrzehnten verbunden, erzählte Scherf, denn als junger Familienvater mit drei Kindern habe er sich teuren Urlaub im Ausland nicht leisten können. Deshalb sei man auf einen Bauernhof im Bayerischen Wald gefahren, wenn er auch den Dialekt des dortigen Bürgermeisters nicht immer verstanden habe. 1972 sei er für die SPD sogar im Wahlkampf durch die Oberpfalz gezogen.

Zum Tod von Helmut Schmidt bemerkte Scherf, dass der neben Adenauer und Brandt zu den einzigen drei wirklich großen Bundeskanzlern zähle. Schmidt habe er seit seiner Kindheit gekannt. Als dieser Innensenator war und er Student, hätten sie auf SPD-Parteitagen viel gestritten, denn er, so Scherf, sei gegen Notstandsgesetze und Nato-Doppelbeschluss gewesen.

Das Älterwerden beschränkt sich bei Scherf nicht darauf, über die Beerdigung nachzudenken. Wenn früher Eheleute goldene Hochzeit gefeiert hätten, seien die in schwarzen Kleidern rumgelaufen, und für ihn sei das immer wie Abschiednehmen gewesen. Nun sei er sogar schon 55 Jahre verheiratet und immer noch neugierig, was die Zukunft bringe. "Die Alten" sollten nicht vor dem Fernseher einschlafen, sondern kreativ ihr Leben gestalten. Selbst Menschen, die an Demenz erkrankt seien, könnten sich kreativ betätigen. Demenz sei Altern im Kopf, während der Körper "fit wie ein Turnschuh" sein könne. Demente könnten vielfach nicht zusammenhängend reden, aber flüssig singen. Scherf konnte sich an eine Bilderausstellung erinnern, bei der sogar Fachleute Schwierigkeiten hatten, die Bilder dementer Maler von denen anderer Künstler zu unterscheiden.

90 Jahre und ein Schlitzohr

"Uns Alten geht es besser, wenn wir im Umfeld junger Menschen leben", behauptete Scherf. Alte würden beim Kontakt mit Kindern aufblühen. Alte Menschen dürften nicht abgeschoben werden, man müsse sie am Leben teilhaben lassen. Er habe "hochaltrige Menschen" kennengelernt. Etwa eine 122 Jahre alte Französin - sie hat mit 90 Jahren ihr Haus auf Rentenbasis verkauft und mittlerweile den Spekulanten überlebt. Alle Hochaltrigen hätten nicht alleine gelebt und seien immer einer sinnvollen Beschäftigung nachgegangen.

Die alten Menschen, so Scherf, brauchten Verantwortung und nützliche Arbeit, das sei besser als Alkohol oder Psychopharmaka. Vorbild seien die skandinavischen Länder, wo es kaum Altenheime gebe, dafür barrierefreie Nachbarschaften. Als "totalen Unsinn" bezeichnete Scherf die Einkaufszentren außerhalb der Städte, die damit immer mehr verödeten. Der innerstädtische Leerstand solle karitativen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden, die dort Flüchtlinge einquartieren könnten, um ausgestorbene Innenstädte zu beleben. Scherf ist überzeugt, dass junge Flüchtlinge darauf brennen, Deutsch zu lernen, um in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Er kenne ein Dorf in der Lüneburger Heide mit 102 Einwohnern. Dort seien gut 900 Flüchtlinge in einen leeren Bürokomplex eingezogen. Die örtlichen Metzger, Bäcker und Lebensmittelhändler machten Geschäfte wie seit Jahren nicht mehr.

Flüchtlinge seien das größte Problem der EU, die zu zerbrechen drohe. "Hoffentlich wird an den Grenzen nicht geschossen", mahnte Scherf, der daran glaubt, dass die schrumpfende westeuropäische Gesellschaft durch Flüchtlinge, die integriert werden können, wieder belebt wird. Auf die Frage, ob in zehn Jahren wohl mehr Muslime als Christen in den Schulklassen ohne Kreuze säßen, meinte Scherf, dass alle großen Religionen erstaunliche Gemeinsamkeiten hätten. Untereinander missionieren sei der falsche Weg. Richtig sei, voneinander zu lernen. Fremdenfeindlichkeit komme nur auf, weil die Menschen sich nicht informierten und "keine Ahnung haben".
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