Herren mit frohen Gemütern

Wer das kleine rosa Gebäude betritt, kommt in eine andere Welt. Und auch die Herren, die hier regelmäßig ihre Treffen - oh pardon, Fahrten heißt das ja - abhalten, legen manches ab, kaum dass sie die Türe hinter sich geschlossen haben: ihre bürgerlichen Namen, ihre Berufe, ihre Sprache.

Nachdem Max Johann Schmid erstmals in diese andere Welt, in diese ganz spezielle Atmosphäre eingetaucht war, sagte er daheim zu seiner Frau: "Da gehe ich nie mehr hin." Das Lachen habe er zwar an diesem Abend unterdrücken können, er wisse aber nicht, ob er das immer schaffen werde. Tausend Ausreden fielen ihm ein, um sich fortan von diesen seltsam anmutenden Treffen fernzuhalten. Bis eines Tages seine Gattin sagte, dass er eigentlich nur Lehrer kenne und ob er es nicht nochmals mit der Herrenrunde versuchen wolle. Seitdem ist Schmid bei den Niederländtern.

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Die zwei Herren, die rechts neben ihm sitzen, nicken wissend, Dr. Manfred Postler und Helmut Summer ist es seinerzeit bei ihrer ersten Begegnung mit der Herrengesellschaft nicht recht viel anders ergangen. Oh Pardon, jetzt, da sie im Domizil der Niederländter weilen, haben sie ihre bürgerlichen Namen abgelegt: Summer ist Adlatus und heißt Hurt van Schuinbrein, Postler ist Maarten van Poortman und Schmid nennt sich Morten Jan van Schuddebeurs. Wer das erste Mal ins kleine rosa Häuschen an der Sulzbacher Straße kommt, staunt Bauklötze. Sofort fällt ins Auge, dass der Drache allgegenwärtig ist. Ach nein, hier heißt der ja Lindwurm. Es ist in der Tat eine Welt für sich. Nicht verwunderlich, dass sich die drei Herren anfänglich sehr wunderten.

Politik und Religion tabu

Doch längst genießen sie die Treffen (ach nein, das nennt man hier ja Fahrten) und möchten sie genauso wenig wie die Gemeinschaft missen. Oder wie es Dr. Manfred Postler, seit 18 Jahren Vorsitzender - oder in der Sprache der Niederländter gesprochen: Huishouder - formuliert: "Wann immer ich hier rausgekommen bin, war ich viel, viel munterer als ich reingegangen bin." In dieser abgeschotteten Welt wird nicht über Politik geredet. Über Religion auch nicht. Wer's trotzdem tut, bekommt eine Strafe. Das kann zum Beispiel eine spezielle Aufgabe sein: ein Lied singen oder einen Vierzeiler dichten. "Und wer dann beleidigt ist, weil er verurteilt wurde, der ist kein Niederländter", stellt der Vorsitzende klar. Schnell wird offensichtlich, dass sich die Herren den schönen Künsten und den gehobenem Humor verschrieben haben. Schlagfertiges Antworten gehört ebenso dazu, unbedingt. "Wir pflegen keine Faschingsgaudi", stellt Schmid klar und beweist, dass er großen Humor hat: "Der Unsinn wird ernst genommen." Jede Fahrt ist nach Worten von Vorsitzendem Manfred Postler reguliert. "Streng in der Form, aber lustig im Inhalt", sagt er.

Jedes Mal wird darüber ein Protokoll angefertigt. Die Spelonken, wie sich die Vereinigung, in der Postler, Schmid und Summer sind, nennt, sind stolz darauf, dass die Bände erhalten geblieben sind. Ein Blick in die Bücher offenbart: Da waren - und sind - wahre Meister am Werk. Gestochen schöne Schrift, wunderschöne Gemälde: die Amberger verfügen über einen reichen Schatz. Vor allem im Zweiten Weltkrieg seien in anderen niederländtischen Sozietäten die Protokolle verlorengegangen. "Würzburg hat gar keine Chronik aus dieser Zeit", weiß Postler. Und die Nürnberger Kollegen hätten vor einigen Jahren einen Teil ihrer Chronik auf einem Trödelmarkt gefunden.

Auch wenn sich die drei Herren einst, als sie zum ersten Mal in der Welt der Niederländter waren, gedacht haben mögen, wo sie denn da hingeraten sind, missen wollen sie ihre regelmäßigen, 14-tägigen Treffen auf gar keinen Fall mehr. "Froh Gemüt, geschickte Hand" ist ein Motto, das die Niederländter so richtig ausleben. Längst sind Dr. Postler, Max Johann Schmid, Helmut Summer und all den anderen Herren der Amberger Sozietät die eigene, ganz spezielle Sprache, die Reden in Reimform, die vielfache Verwendung des Diminutivs in Fleisch und Blut übergegangen. Sie fühlen sich in der Gesellschaft mit Gleichgesinnten wohl, sie scherzen, sie musizieren, sie dichten, sie rezitieren - und sie stärken sich natürlich, denn zu jeder Fahrt gehört auch ein gemeinsames Mahl.

Ein Abend für die Frauen

Eine lange Tafel, akkurat aufgereihte Liederbücher, der allgegenwärtige Lindwurm (also der Drache) und vieles in den Farben Blau und Gold: So langsam beginnt man, sich an diese andere Welt zu gewöhnen. Außerdem fängt man an, ein bisschen das Niederländtisch zu verstehen, weiß sofort, was mit Wämslyn und Schlämplyln gemeint ist. Doch als Frau (natürlich als "Mynfrow") bleibt einem diese abgeschottete Welt sowieso verschlossen. Die Gattinnen der "Mynherren" dürfen trotzdem kommen, einmal im Jahr, wenn die "Spelonken" einen Abend ganz speziell für sie ausrichten - mit Essen und allem, was dazugehört: "Froh Gemüt, geschickte Hand" eben.
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