Hier liegen keine Unbekannten

Acht Platten mit eingestanzten Namen erinnern auf dem Katharinenfriedhof an Menschen aus Osteuropa, die während des Zweiten Weltkriegs nach Amberg kamen und hier starben. Darunter ist auch der Vater einer Ambergerin, die jetzt neue Hoffnung hat, mit ihren Verwandten im Raum Krakau Kontakt aufnehmen zu können. Die Buchstaben auf den Platten unterhalb der Aussegnungshalle sind auch nach der Reinigung durch Helfer der Militärkameradschaft schwer zu lesen. Regen macht sie allerdings durch das Wasser in den Vert

Das mit der Schüler-Patenschaft für die Gedenkstätte, die auf dem Katharinenfriedhof an Kriegsgefangene und "Fremdarbeiter" erinnert, hat nicht geklappt. Aber es gab dennoch eine Reaktion. Josef Adamiok nennt sie sein "schönstes Geburtstagsgeschenk".

293 "Menschen aus dem Osten" sind laut einer Wandtafel auf dem Katharinenfriedhof begraben. Acht Gedenksteine und -platten unterhalb des Leichenhauses erinnern an sie, nennen Namen und oft auch die Todesjahre, die zwischen 1940 und 1953 liegen.

Als Josef Adamiok, dem alle Gedenkorte auf dem Friedhof ein Anliegen sind, vor einigen Wochen in der AZ für eine Patenschaft zwischen einer Schule und der Stadt zur Betreuung dieser etwas vernachlässigten Erinnerungsstätte warb, war er noch optimistisch. "In vielen Städten, zum Beispiel in Hamburg, ist so etwas keine Seltenheit", sagt er. In Amberg sehe es aber so aus, als ob so etwas nicht möglich sei. "Es liegt aber nicht an den Schülern", findet Adamiok, eher an den Schulleitern.

"Ungeklärte Grablage"

Weil die acht Tafeln mit den eingestanzten Namen und Daten kaum noch lesbar waren und sich sonst niemand fand, der sie reinigen wollte, hat Adamiok das zusammen mit Freunden von der Militärkameradschaft Amberg übernommen. Wie jedes Jahr säuberten sie ohnehin die 150 Kreuze am Soldatenfriedhof und gingen danach mit dem Dampfstrahler auch noch über die Platten für die osteuropäischen Kriegsopfer.

"Schon der erste lesbare Satz war schockierend", erzählt Adamiok. "Hier liegen Menschen in ungeklärter Grablage" stand da. "Wurden diese Menschen damals begraben oder wurden sie an der West- und Ostgrenze vom Friedhof verscharrt?", fragte er sich. Überraschend fand er auch, dass die Reinigung sowohl männliche als auch weibliche Namen ans Tageslicht brachte.

Die nächste Überraschung folgte am Tag darauf: Eine gebürtige Ambergerin rief bei Adamiok an und bedankte sich sehr herzlich für die Reinigung der Platten. Welchen Bezug sie denn zu dem Ort habe, wollte er von ihr wissen. Die Antwort: "Mein Vater ist dort begraben." Daran hatte Adamiok bisher noch gar nicht gedacht - Nachkommen der dort aufgeführten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Amberg.

Seine Neugierde war geweckt. Er besuchte die Frau und erfuhr, dass ihr Vater aus der Nähe von Krakau stammte und als junger Mann nach Amberg dienstverpflichtet wurde. Hier verliebte er sich in eine Einheimische, die seine Gefühle erwiderte. Anfang 1947 bekam das Paar ein Kind. Noch bevor das Mädchen ein Jahr alt war, starb aber sein Vater im Amberger Lazarett. Die heute 67-Jährige berichtete Adamiok, ihre Tante habe ihr später erzählt, dass man ihren Vater an der Friedhofsmauer beerdigt habe. Die Mutter sei schon vor rund 40 Jahren gestorben.

Pater Janusz hilft

"Bis heute hat die Frau leider noch keinen Kontakt zu Verwandten ihres Vaters im Raum Krakau bekommen können", schildert der Amberger ein weiteres Ergebnis des Gesprächs. Das ließ ihm keine Ruhe. Er hat deshalb einen Kontaktversuch eingeleitet. Dabei sicherte er sich die Hilfe von Pater Janusz aus dem Franziskaner-Kloster auf dem Mariahilfberg. Der polnische Geistliche ist, wie sich herausstellte, ganz in der Nähe des Ortes zu Hause, aus dem der 1947 gestorbene Vater der Ambergerin stammt. Es wird aber dauern, bis eine Antwort kommt, sind sich Josef Adamiok und Pater Janusz einig. So ein Vierteljahr wird man sich schon gedulden müssen.

"Ich hätte nie geglaubt, dass es hier in Amberg tatsächlich einen solchen Bezug zu diesen Gräbern gibt", freut sich Adamiok über das erfahrene Interesse. Und es sei ja nicht ausgeschlossen, dass weitere Nachkommen der im Katharinenfriedhof begrabenen Osteuropäer hier lebten. Schon bei dem Gedanken daran wird der frühere Soldat, der seit einigen Tagen 81 Jahre alt ist, leicht euphorisch. Und der Ambergerin, die den Kontakt nach Polen sucht, hat er schon versprochen: "Wenn das klappt, fahre ich Sie kostenlos zu Ihren neuen Verwandten in den Raum Krakau."
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