Ib Hausmann lässt seine Klarinette beim Studiokonzert im Amberger Stadttheater sprechen
Unbeschränkte Vollmacht für Experimente

Einen musikalischen Blankoscheck stellen sie aus, die vier Musiker: Ib Hausmann (Klarinette), Bob Degen (Klavier), Iven Hausmann (Posaune) und John Schröder (Schlagzeug/Gitarre), die das Studiokonzert bestreiten. Dafür versprechen sie ein Abenteuer, das zum großen Erlebnis wird. Bild: Huber
Die Studiokonzerte versprechen immer etwas Besonderes. Nicht nur Ort und Zeit sind ungewöhnlich, außergewöhnlich lesen sich auch die Namen der engagierten Künstler. Am Donnerstag belegte der Klarinettist Ib Hausmann den Bühnenraum des Stadttheaters. Er kennt Amberg bereits von mehreren Auftritten und findet hier die "besondere Atmosphäre, das aufgeschlossene Publikum und das gute Essen" großartig.

Hochkarätig unterstützt wird er von Bob Degen (Klavier), Iven Hausmann (Posaune) und John Schröder (Schlagzeug/Gitarre). Da Bassist Christian Weber seinen Auftritt kurzfristig abgesagt hat, hat Hausmann dazu nun dieses Trio um sich geschart. Auf dem Programm stehen eigene Kompositionen, Improvisationen und die Interpretation von vier grafischen Notationen des Amberger Komponisten H. E. Erwin Walther aus Anlass seines 20. Todestages.

Die ersten zehn Minuten gehören Hausmann alleine. Der mehrfach preisgekrönte Kammermusiker demonstriert zu Beginn sein großes Können auf Klarinette, Bass- und Kontrabassklarinette. Spielerische Raffinessen, technische Herausforderungen, ungewöhnliche Brechungen und sensationelle Tonsalti beherrscht er mühelos.

Klassik und Jazz

Hausmann, der sich im klassischen Genre genauso einen Namen gemacht hat wie in der Jazzszene, ist um keine avantgardistische Spieltechnik verlegen. Er legt musikalische Spuren, kann leise wie laut, mit langem Atem und lustvoll lutschenden Tönen. Die Ideen gehen ihm nicht aus.

Zu Ib Hausmann stößt John Schröder. Am Schlagzeug und auf der Gitarre liefert er Staunenswertes. Er soll ein 'genialisches Wunderkind' gewesen sein, so wird er vorgestellt. Aus dem Kindesalter ist er herausgewachsen, das Geniale ist geblieben. Wie selbstverständlich und scheinbar ohne Anstrengung bearbeitet er sein Instrument, lässt Besen und Finger sprechen, stellt vertrackte rhythmische Fragen, die er selbst souverän beantwortet und beobachtet hellwach seine Mitspieler. Seine Inspiration schöpft er aus dem Augenblick.

Punktgenau steht Bob Degen, die "Jazzlegende am Klavier", parat. Er ist da, wenn man ihn braucht. Er ist diskret und definiert Stimmungen. Melodische Vor-, Zwischen- und Übergänge sind seine Spezialität. Er produziert nie nur Füllmaterial, er entwickelt und gestaltet, er überlegt, lauscht und leitet. Er erdet und erfindet. Mit variablem Anschlag brilliert er und liefert jede Menge intellektuelle Überraschungen.

Dymnamik und Balance

Iven Hausmanns Instrument ist die Posaune und die spielt er nicht nur ganz fantastisch, er lässt sie auch sprechen und atmen, stöhnen und seufzen, oder wie einen wilden Hornissenschwarm auf das Publikum los. Ja, er erzeugt damit geradezu aggressiv explodierende, schmerzhaft bohrende Töne. Das Duett mit seinem Bruder wird zur lautmalenden Luft- und Atemperformance, wird zum familiären Moment von Sprache. In jeden einzelnen Ton horchen die beiden hinein. Sie teilen sich mit und verstummen zeitgleich.

Der Herausforderung der Interpretation der grafischen Vorlagen von H. E. Erwin Walther stellen sich die Vier nach der Pause. Die stilistische und gattungsmäßige Vielfalt des schwer einzuordnenden Amberger Künstlers macht diese Aufgabe nicht gerade leicht. Ib Hausmann & Co raten, ihre Übersetzungsversion "mit Entspanntheit zu sehen und zu hören!". Sie nehmen die unterschiedlichen Formen auf und reagieren mit Klängen, Dynamik und Balancen.

Sie erkunden die Tragfähigkeit der verschiedenen Aggregatzustände von Melodik und Optik. Bis zuletzt reizen sie ihre carte Blanche, ihre uneingeschränkte (Interpretations-)Freiheit, aus. Mit der Komposition "Amberg" endet ein ungewöhnlicher der Abend.
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