"Ich möchte nicht, dass etwas verloren geht"

Anette Ruttmann hat für "Bücherfreude - Leseglück - Digital(ver)lust" Nutzer der Provinzialbibliothek Amberg interviewt und dabei etwas ganz Besonderes geschaffen. Bild: Geiger

Unsere Medienwelt erlebt einen tiefgreifenden Wandel: Jahrhundertelang war das Erscheinen von Büchern und Zeitungen allein ans Papier gebunden - heutzutage dagegen lässt sich vieles auch am Bildschirm lesen. Fürs Recherchieren ist das fantastisch - ob dagegen auch das Lesen profitiert? Kann "Herzensbildung" am Computer erfolgen?

Diese Fragen hat sich Anette Ruttmann gestellt, als sie sich für die Provinzialbibliothek in Amberg daran gemacht hat, die Nutzer zu interviewen. Herausgekommen sind gleich zwei Bücher, beide auf Papier gedruckt und beide viel mehr als ein bloßes Porträt von 30 Menschen, die dieses altehrwürdige Haus nutzen. Entstanden ist neben einem kleinen Bildband auch der rund 130-seitige Textband mit dem Titel "Bücherfreude - Leseglück - Digital(ver)lust" - aneinandergelegt bilden sie so etwas wie einen kleinen illustrierten Roman, der von einer Institution erzählt, die die Stadt Amberg beherbergt und die ein Refugium darstellt für Menschen mit Wissbegier jeglicher Art.

Woher rührt Ihr Interesse für Bücher und Bibliotheken?

Anette Ruttmann: Ich bin ja von Haus aus Germanistin und Romanistin und als ich in Heidelberg studiert habe, war man stark auf das fokussiert, was man damals als 'Rezeptionsästhetik' bezeichnet hat. Für mich als Zeitungsleserin und als jemand, die seit 40 Jahren in Amberg lebt, dabei aber auch oft in Holland ist oder anderswo im Ausland, ist das bis heute eine interessante Frage: Was Bücher und die darin enthaltenen Ideen aus ihren Lesern machen!

Und die Idee für das Buchprojekt, wie entstand die?

Ruttmann: Den eigentlichen Anstoß erhielt ich von der Schriftstellerin und Essayistin Kathrin Passig, die in einem Interview Bibliotheken als "Papiermuseen" bezeichnete. Das raubte mir eines Morgens den Schlaf, und zwischen Traum und Wachsein, da hat man ja oft gerade die besten Ideen. Jedenfalls verfiel ich auf den Gedanken, man müsste doch die Bibliotheksnutzer einmal interviewen und über ihre konkreten Erfahrungen befragen, die sie mit bedrucktem Papier sammeln und auch, wie sie mit dem zurechtkommen, was die Digitalisierung heute bedeutet.

Welche Bedeutung hat denn die Digitalisierung für Bibliotheken?

Ruttmann: Ich glaube, dass wir an einem fundamentalen Wendepunkt stehen, an einer Wegmarke, die eine viel größere Veränderung bedeutet als etwa mit der Einführung der Eisenbahn verbunden war: Da kann man nicht einfach dahin schlafen, sich aufs Tennisspielen zurückziehen oder sagen: 'Ach, ich sterbe jetzt eh bald'. Bibliotheken sind doch viel mehr als Institutionen, die für bloße schnelle Verfügbarkeit stehen, sie sind Orte der Stille und des Staunens.

Überall in der Welt dürfen wir uns in einer Bibliothek zuhause fühlen. Denn hier können wir sein und die Dinge der Welt eine Zeitlang vergessen. Durch die Digitalisierung sind Bibliotheken als Institutionen vor Ort bedroht - und ich möchte nicht, dass etwas verloren geht, was wir hinterher bereuen! In Italien beispielsweise haben sich im Angesicht der Wirtschaftskrise der letzten Jahre die Nutzerzahlen öffentlicher Bibliotheken verdoppelt.

Wie haben Sie ihre Gesprächspartner ausfindig gemacht?

Ruttmann:Ich war mir mit Siglinde Kurz, der Leiterin der Provinzialbibliothek Amberg, von Anfang an einig: Wir wollten eine große Spannbreite von Bibliotheksnutzern abbilden. Da sind also Schriftsteller dabei wie Nora Gomringer oder Eckhard Henscheid, Wissenschaftler wie Frau Prof. Dr. Nailja Luth von der OTH oder Prof. Dr. Sabine Koller von der Uni Regensburg, viele Lehrer, Journalisten, aber auch 'ganz normale' Menschen. Ich bin oft ganz spontan auf Bibliotheksbesucher zugegangen, nach dem Motto: Ach, die ist jung, die hat eine ganze Reihe von Büchern ausgeliehen - die könnte ich mal fragen.

Wie haben sich die Gespräche gestaltet?

Ruttmann: Meine Grundhaltung Menschen gegenüber ist eine grundsätzlich positive. Und jeder, also wirklich jeder einzelne meiner Gesprächspartner war interessant und eine große Bereicherung. Oft hab' ich erst beim Interview begriffen, was mein Gegenüber überhaupt genau macht und weshalb er die Bibliothek nutzt.

Zusätzlich gibt es neben dem Textband auch noch einen Fotoband ...

Ruttmann: Ja, wir wollten neben die Interviewtexte unbedingt auch noch Bilder der Gesprächspartner stellen. Und da bin ich wirklich stolz drauf: Wir haben mit Moritz Hüttner einen jungen Fotografen aus Amberg verpflichten können, der das ganz wunderbar gemacht hat. Mein Lieblingsbild ist das von Herma König: Er hat sie mit einem Satz aus ihrem Interview konfrontiert, dass sie als Schülerin einen blauen Brief erhielt, weil sie während des Unterrichts in einem Liebesroman unbedingt die Kussszene weiterlesen wollte - ihr herzliches Lachen hat er auf ganz wunderbare Weise eingefangen.

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Info: Siglinde Kurz (Hrsg.); Anette Ruttmann (Interviews); Moritz Hüttner (Fotografie) "Bücherfreude - Leseglück - Digital(ver)lust. Die Provinzialbibliothek Amberg und ihre Nutzer". - Amberg, 2015. - 2 Bde. (Text und Fotoband) ist in der Bibliothek zum Preis von 11,90 Euro erhältlich.
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