In der Trauer nicht allein sein

Der Dachs war immer zur Stelle gewesen, wenn eines der Tiere ihn brauchte. "Leb wohl, lieber Dachs", so heißt eines der Bücher, die den Kindern helfen sollen, ihre Trauer zu erleichtern und zu überwinden. Bilder: Huber
 
Katja Sporrer (34) arbeitet am Gesundheitsamt als sozialmedizinische Assistentin. Sie ist eine von vier Frauen, die die Kindertrauer-Gruppenstunden beim Hospitzverein ehrenamtlich leiten.

Gerade noch gestritten, nun ist Papa tot. In die Trauer von Kindern, die einen geliebten Menschen verloren haben, mischen sich unerträgliche Schuldgefühle. Sie brennen im Kopf und in der Seele. "Hilflosigkeit, Wut, Leere - wir erleben bei unserer Arbeit alle Gefühle", erklärt Katja Sporrer.

Sie und ihre drei Kolleginnen helfen seit eineinhalb Jahren Betroffenen in einer Kinder-Trauergruppe, wieder auf die Füße zu kommen. Und es funktioniert.

Wege aufzeigen

Mit Trauer umzugehen, das fällt Erwachsenen schon sehr schwer. Bei Kindern sitzt der Schmerz noch tiefer. "Wir sind da, um zu helfen, um Wege aus der Trauer aufzuzeigen, sie zu begleiten und vor allem, die Kinder bekommen das Gefühl, in ihrem unendlichen Schmerz nicht allein zu sein." Der Tod - das Thema ist unbequem, eigentlich ein klassisches Tabu-Thema. Katja Sporrer, Mutter zweier Kinder, spricht ruhig, gefasst und überlegt darüber. Man hört ihr gerne zu und merkt nach wenigen Augenblicken, wie viel Herzblut in der ehrenamtlichen Arbeit steckt, die der Hospizverein Amberg hier leistet.

Speziell geschult

Zwei Kurse haben Brigitte McGuire, Sabine Söllner, Regina Weiser und Katja Sporrer schon begleitet. Alle kommen aus dem sozialen Bereich und sind für ihre Arbeit speziell geschult worden. Im Frühjahr, oder nach Bedarf auch früher, startet eine neue Trauergruppe für Sechs- bis Zwölfjährige, die eine nahe stehende Bezugsperson verloren haben. "Das kann ein Elternteil, Bruder oder Schwester, Oma oder Opa oder auch ein Schulfreund sein." Bedingungen oder Kosten gibt es keine, einzig der Todesfall sollte schon drei Monate zurück liegen, erklärt die 34-Jährige im Gespräch mit der AZ. Der Bedarf ist da, das weiß sie. Kinder würden oft den Eindruck erwecken, sie trauern nicht. Das sei für die Erwachsenen irritierend. "Kinder zeigen es nur anders, sie trauern auf eine andere Art." Gerade bei den jüngeren Mädchen und Buben sei es wichtig, sie in ihrer Ohnmacht zu begleiten. "Wird das Trauma im Kindesalter nicht erkannt, kann das später im Jugendalter gravierende Folgen haben", betont Sporrer eindringlich.

Alles absolut vertraulich

"Ein Todesfall in der Familie ist eine extreme Belastung für alle. Stirbt beispielsweise der Ehemann, dann hat die Frau neben den familiären meist auch existenzielle Sorgen. Sie muss sich plötzlich alleine um Wohnung oder Haus, Einkommen und Behörden kümmern. Manchmal werden die Kinder dabei ganz unbewusst etwas vernachlässigt." Hier könne die Gruppe, in der die Kinder unter sich sind und schließlich jeder mit einem Verlust zu ringen hat, Balsam auf die Wunden und Unterstützung geben.

"Die Stunden sind thematisch strukturiert. Es sind keine Spiele-Nachmittage, sondern wir versuchen gezielt, die Probleme anzugehen und zu bewältigen - auf kindgerechte Art", erklärt Sporrer. "Wir leisten sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe." Punkte, die dazu gehören, sind unter anderem Gefühle. "Also weinen, wütend sein oder auch die Frage: Darf ich überhaupt noch lachen?" Ebenso werden die Themen Erinnern, Veränderungen, Beerdigungen und Trost und Hoffnung behandelt. "Auch den Elternteil, der mit seinem Kind zu uns kommt, fragen wir natürlich, wie es ihm geht, was passiert ist und erklären, was in den Gruppenstunden gemacht wird. Alles absolut vertraulich." In der Gruppe sind die Mädchen und Buben alleine mit den Betreuerinnen. "Wenn ein Kind anfangs noch Angst hat, dann ist das auch kein Problem. Dann dürfen Mama oder Papa natürlich bleiben."

Drei Fragen

Frau Sporrer, was ist nach einem Trauerfall besonders wichtig und was hilft, wenn man danach wieder allein ist?

Katja Sporrer: Erst hilft das Umfeld. Leute, mit denen man offen reden kann. Später ein Ort, wo man in Ruhe auf Gedankenreise gehen kann. Das mag im Zimmer sein, oder auch in der Natur. Einfach ein Platz im Kopf, in den man sich zurückziehen kann. Ein Mädchen, bei der beispielsweise die Mutter verstorben ist, könnte die Augen schließen, sich eine schöne Blumenwiese vorstellen, auf der nur sie und ihre Mama liegen. Niemand anders. Nichts stört. Ihre Mama ist für diesen Augenblick einzig und allein nur für sie da. Das hilft ungemein.

Haben Sie das Gefühl, dass sich Kinder mit der Zeit in der Trauergruppe verändern?

Sporrer: Ja, sie verändern sich. Es tut ihnen gut. Eine frühere Gruppe hat sich sogar weiterhin getroffen, obwohl der Kurs schon längst beendet war. Wichtig ist, wir geben jedem Einzelnen auf seinem Weg mit, dass er jederzeit bei uns anrufen kann, wenn es Probleme gibt. Auch die Angehörigen geben uns nur positive Rückmeldungen. Das freut uns natürlich sehr.

Wie nahe gehen Ihnen die Schicksale der Kinder?

Sporrer (überlegt): Sehr nahe. Aber es ist nicht so, dass ich das mit nach Hause nehme. Durch meine Arbeit als Krankenschwester in der Notaufnahme kam ich oft mit dem Thema Tod in Berührung. Auch in meiner Familie wurde und wird natürlich über so etwas gesprochen. Meine Tochter hat als Achtjährige auf die Frage "was wäre wenn?", mit einem Satz geantwortet, den ich nie vergessen werde. Sie sagte: Aber Mama, irgendwann sehen wir uns doch wieder - und dann für immer.
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