In Hirschau leben 27 Asylbewerber. Für die Unterkünfte sorgt eine Privatperson mitten in der Stadt. Und auch sonst gehören die Ausländer dazu - im Kindergarten, in der Schule, im Sportverein, in der Sozialstation und sogar in der Stadtgärtnerei. Ein Beispiel,
Herr Karimi findet ein Stück vom Glück

wie Flüchtlingsarbeit gut funktioniert.

Hirschau. Bleiben oder fliehen? Als die Armee damit begann, die Dörfer rund um die Hauptstadt Damaskus anzugreifen, musste Ahmed Audah eine Entscheidung treffen. Der Vater von vier Kindern hörte die Bomben, sah die Zerstörung, roch den Tod und wusste - so schnell wie möglich weg hier!

Der 38-Jährige ließ mit seiner Familie die Gefahr in Syrien hinter sich, um sich nahtlos der nächsten auszusetzen. Nach den Stationen Ägypten und Libyen ging es mit einem einfachen Holzboot über das Mittelmeer nach Italien. Ein waghalsiges Unternehmen, das den Audahs beinahe das Leben gekostet hätte: "Wir waren fünf Tage auf dem Meer unterwegs. Von den Leuten, die mit dabei waren, sind mehr als 100 gestorben." Doch dann die Rettung: Ein dänischer Frachter nahm die Überlebenden an Bord.

Fast regungslos erzählt Audah diese Geschichte, ein dezentes Lächeln kehrt erst in sein Gesicht zurück, als er in die Augen seiner Frau blickt und über die Kinder spricht. Das jüngste ist gerade in einer Krippe, das zweite im Kindergarten, die beiden großen gehen in die Grundschule. Nicht in Damaskus, Aleppo oder Homs - in Hirschau.

Endlich Frieden

"Das ist das Beste, was uns passieren konnte", schwärmt Ahmed Audah, der nicht fotografiert werden möchte. Deutschland biete endlich den Frieden, nach dem er sich so lange gesehnt hat. "Wenn die Menschen in einem sicheren Land gelebt hätten, hätten sie es nicht verlassen", sagt die Frau, die den Audahs ein neues Zuhause gegeben hat: Victoria Rasoulkhani. Der 39-jährigen Aschacherin mit persischen Wurzeln gehören in Hirschau drei Häuser, die zunächst als Ferienwohnungen konzipiert waren, aktuell aber die Heimat für 27 Flüchtlinge sind. 14 kommen aus Syrien, jeweils fünf aus Äthiopien und dem Iran, drei aus Georgien.

Hungerstreik war einmal

Die Verständigung erfolgt mit Händen und Füßen, obwohl die meisten Asylbewerber etwas Englisch sprechen - wie Roozbeh, der im Sommer mit einigen Landsleuten auf dem Amberger Multifunktionsplatz in den Hungerstreik getreten war, um auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam zu machen (wir berichteten). Die Amberger Gemeinschaftsunterkunft in der Kümmersbrucker Straße hat der 29-Jährige hinter sich gelassen, jetzt lebt er in Hirschau und fühlt sich wohl. Wegen Victoria Rasoulkhani. Und Ursula Frohmann, die bei der Stadt für die Grund- und Gewerbesteuer zuständig ist - und für die drei Kindergärten. So kam Frohmann mit den Asylbewerbern und deren Nachwuchs in Kontakt. Seitdem hilft sie, wo sie nur kann und plant immer wieder gemeinsame Aktionen. "Man wächst in diese Rolle hinein", sagt die Frau, die lieber im Stillen wirkt, als öffentlich im Mittelpunkt zu stehen. Damit ist Ursula Frohmann nicht alleine. Auch andere Hirschauer engagieren sich ehrenamtlich.

Aufgabe in Sozialstation

Einer davon ist Richard Sellmeyer. Der Geschäftsführer der Caritas-Sozialstation wurde eher durch Zufall auf die Asylbewerber aufmerksam. Ursula Frohmann war es, die vor etwa einem Jahr bei ihm anfragte und wissen wollte, ob er gelegentlich auf eine ganz bestimmte Mitarbeiterin verzichten könnte.

Die Frau sollte als Dolmetscherin den damals noch in Hirschau lebenden Georgiern und Tschetschenen zur Seite stehen. Sellmeyer, der russisch spricht, übernahm diese Aufgabe selbst: "Ich wollte wissen, wer die sind und woher sie sind." Mit der Zeit wurde der Familienvater (52) auf eine 18 Jahre alte Tschetschenin aufmerksam, die nicht mehr schulpflichtig war, sich dem Müßiggang und der Langeweile ausgesetzt sah. Sellmeyer bot ihr an, in der Sozialstation zu arbeiten: "Sie hat Kleinigkeiten für uns geregelt", sagt der Diakon, dem aber wesentlich wichtiger war, dass die junge Frau soziale Kontakte knüpft und Deutsch lernt. Dem Beispiel folgten einige Männer aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihre Arbeitskraft ebenfalls anboten.

Doch vor einem halben Jahr war das Engagement plötzlich vorbei. Die Flüchtlinge, von denen einige auch mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, mussten alle "mehr oder weniger freiwillig" zurück in die alte Heimat. Auch die junge Frau, die sich als Vollwaise ihrer Tante angeschlossen hatte. Richard Sellmeyer kommentiert das, was er zutiefst bedauert, so: "Anderer Name und volljährig. Nach deutschem Recht heißt das: Du musst raus. Sie war die Erste, die gehen musste."

Doch schon bald kamen Syrer und Perser in die Stadt. "Meine sprachliche Kompetenz war da natürlich weg", erzählt der Geschäftsführer, der erneut Kontakt mit Ursula Frohmann hatte. "Sie wollte wissen, ob ich auch die neuen Flüchtlinge irgendwie in der Sozialstation einbinden kann." Der 52-Jährige konnte. Für 1,05 Euro pro Stunde arbeiten die Eheleute Karimi an der Marienstraße mit.

Seinen Vornamen will Herr Karimi der 54-jährige Vater einer Zweitklässlerin nicht verraten. Aus Sicherheitsgründen, sagt er. Im Iran gebe es noch immer Menschen, die ein Problem mit ihm hätten, denn er ist ein Christ: "Wenn du sagst, dass du nicht an den Islam glaubst, wirst zu umgebracht." Selbst Freunden gegenüber könne man sich nicht anvertrauen, der Geheimdienst habe seine Augen und Ohren überall: "Wenn du was Falsches sagst, schnappen die dich."

Gefährliche Region

Shirko berichtet Ähnliches aus Syrien. Der Jurist führte ein gutes Leben, hatte seinen Lebensmittelpunkt in einem kurdischen Gebiet. Was kein Problem war, bis die Terrormilizen von Isis den Landstrich eroberten. "Ich konnte dort nicht bleiben", erzählt Shirko, dessen Familie noch immer in der gefährdeten Region ist - von den Dschihadisten etwa so weit entfernt wie Hirschau von Amberg. Der Syrier schüttelt den Kopf: "Das ist viel zu nah. Aber was können wir tun?"

Nicht viel, nur hoffen und warten. Denn die Flüchtlinge dürfen ihre Frauen und Kinder, mit denen sie per Facebook Kontakt halten, erst nachholen, wenn der Asylantrag genehmigt ist. Das dauert. In Bayern oft mindestens ein halbes Jahr. Vielen Syrern und Persern ist das nicht schnell genug. Das sagen sie ganz offen, reagieren aber nicht mit Wut, denn das langsame Aufnahmeprozedere ist oft ihr einziger Kritikpunkt an Deutschland.

Tochter soll glücklich sein

Victoria Rasoulkhani findet aber noch einen weiteren: "Diejenigen, die arbeiten wollen, dürfen nicht. Selbst wenn ein Arbeitgeber sie unbedingt einstellen will, sie dürfen aus gesetzlichen Gründen nicht." Diese Information dringe so nicht nach außen. Herr Karimi hätte gerne wieder einen Job. Im Iran lebte er davon, Reinigungsmittel zu importieren. "Es ist schwer für mich hier", gesteht der 54-Jährige, der zusieht, wie seine sieben Jahre alte Tochter immer weniger Iranerin und immer mehr Deutsche wird, um das eines Tages zu bleiben. Wenn in der alten Heimat plötzlich Frieden herrschte, Karimi würde vielleicht zurückgehen. Aber je länger sie fort sind aus dem Iran, desto eher tendiert er dazu, hier zu bleiben. Wegen seiner Tochter: "Ich kann sie doch nicht alleine lassen."
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