Ja, wo ist er denn?
Glosse

Mei, das waren noch Zeiten, als es einen Schlussverkauf gab. Also einen richtigen, nicht so einen Dauer-Sale, wie er heutzutage üblich ist. "Alles muss raus, deshalb 70 Prozent auf alles", prangt allerorten auf Schildern, sommers wie winters. Früher wusste man: Zweimal im Jahr ist Schlussverkauf. Und da warteten die Frauen schon frühmorgens vor den Türen der Kaufhäuser, standen sich eine geschlagene Stunde die Beine in den Bauch, um unter den ersten zu sein, die das Geschäft stürmen. Sie flitzten an die Wühltische und kramten dann dort nach den besten Schnäppchen - meistens waren das Unterhosen im Fünfer-Pack, die eh kein Mensch brauchen konnte.

Paketweise schleppte man besagte Unterhosen, aber auch die zugehörigen Hemdchen, Feinstrumpfhosen, Handtuch-Sets und dergleichen mehr zur Kasse, um nach dem Bezahlen zufrieden von dannen zu ziehen - überglücklich, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Daheim wanderten die Packungen schnurstracks in den Schrank. Und da schlummerten sie dann jahrelang vor sich hin, bis man vielleicht am Rande einer Familienfeier die neu dazugestoßene Schwiegertochter fragte, ob sie denn Handtuch-Sets (im besten Fall) oder Unterhosen im Fünfer-Pack (im schlechtesten Fall) gebrauchen könne. Die blickte pikiert weg und entschied, der Schwiegermama fortan großräumig aus dem Weg zu gehen.

Und heute? Klassische Kaufhäuser gibt's kaum mehr, selbst die Wühltische beim Aldi sind nicht mehr das, was sie einmal waren - außer, der Discounter vertickt Kinderklamotten. Da kommt Schlussverkaufs-Atmosphäre auf. "Sale" ist gefühlt an 365 Tagen im Jahr, im Outlet gibt's Dauer-Schnäppchen. Und aus dem Ingolstadt Village schleppt eh keiner Unterhosen-Sets nach Hause. Hm, irgendwie ganz schön langweilig. Völlig unspektakulär kam der gestrige 27. Juli daher, der Tag des offiziellen Starts des Sommerschlussverkaufs - und kaum einer hat's bemerkt.
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