Katastrophe im Hörsaal

Schwere Erdbeben erschütterten im April und Mai den Himalaya-Staat Nepal. In solchen Fällen ist es wichtig, dass die Hilfe schnell anläuft. Wie man dies am besten bewältigt, lernten der Amberger Marc Bigalke und seine Kommilitonen im Aufbaustudiengang Katastrophenvorsorge und -management, den der Anästhesist an der Uni Bonn absolviert hat. Archivbild: dpa
 
"Nach Ende des Kalten Krieges hat man die Sirenen abgeschafft. Doch plötzlich stellte man fest: Wie sollte man im Katastrophenfall dann die Bevölkerung informieren?" Marc Bigalke

Der Tsunami im Urlaubsparadies, die Love-Parade in Duisburg, Flugzeugunglücke oder Erdbeben: Katastrophen haben viele Namen - und jede ein anderes Gesicht. Der Katastrophenschutz-Manager am Klinikum St. Marien, Marc Bigalke, hat sich eingehend mit ihnen befasst, in einem eigenen Aufbaustudium.

Wie kamen Sie überhaupt zum Katastrophenschutz?

1986 begann ich als Elfjähriger im Jugendrotkreuz, später war ich beim Rettungsdienst und in der Wasserwacht. Als ich Medizin studierte, wechselte ich dann zur Feuerwehr.

Was war der Grund für den Wechsel zur Feuerwehr?

Das Problem im Rettungsdienst war: Einerseits hätte ich ärztliche Maßnahmen ergreifen können, weil ich diese im Studium oder in der klinischen Ausbildung gelernt habe, rein rechtlich durfte ich das aber im Rettungsdienst nicht. Um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen, bin ich 2001 zur Feuerwehr gegangen und dort auch hängengeblieben, auch aus großem Interesse an der technischen Seite des Rettungswesens.

Und wie kamen Sie auf das Zusatzstudium?

Von dem Master-Studiengang habe ich durch Zufall durch einen Katastrophenschutzkollegen erfahren. Zudem wurde er auch an der Akademie für Krisenmanagement, Notfalplanung und Zivilschutz, der zentralen Aus- und Fortbildungsstelle des Bundes im Bevölkerungsschutz, in Ahrweiler beworben, wo ich etliche Lehrgänge absolviert habe. Nachdem ich meinen Facharzt gemacht hatte, entschied ich mich, diesen Weiterbildungsstudiengang zu belegen.

Was sind denn überhaupt Katastrophen?

Da gibt es natürlich zum einen die Naturgefahren, die wetterbedingt sind. Dazu zählen Erdbeben, Erdrutsch, Tsunami, Hurricane und Tornado, aber zum Beispiel auch Blitzeis. Auch technische Gefahren durch Havarien oder auch Grippewellen und Ebola sind Katastrophen. Die Liste ist sehr lang, was zu einer Katastrophe werden kann.

Wie sorgt man da vor?

Da geht es erst einmal darum, eine Risikoanalyse zu machen, also festzulegen, wo kann es zu einem Hangrutsch oder zu einer Überschwemmungen kommen. Da ist wichtig, wo man Krankenhäuser, Seniorenheime, Kindergärten oder auch Wohngebiete hinstellt. Katastrophenschutz ist sehr umfassend - das fängt beim Brandschutz an und hört bei der Erstellungen eines Konzeptes für die Versorgung nach einem Massenanfall von Verletzten auf. Dies alles ist immer sehr umfassend mit beteiligten Fachleuten zu beplanen: Feuerwehr, Rettungsdienst, Sanitätsdienst, Technisches Hilfswerk, Polizei oder auch öffentlicher Gesundheitsdienst.

Wie definieren Sie eine Katastrophe?

Ein Ereignis, das entweder Menschenleben, die natürliche Lebensgrundlage oder bedeutende Sachwerte gefährdet und dies nur mit allen Behörden und Organisationen unter einer Leitung bewältigt werden kann. Angenommen, es brennt in einem ein Krankenhaus. Da ist man an einer Katastrophe nah dran. Zum einen zählt eine Klinik zu den kritischen Infrastrukturen, zum anderen kommt im Fall eines Feuers eine Vielzahl an Rettungskräften: Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, Klinikeinsatzleitung. Diese müssen unter Umständen alle unter einer Leitung koordiniert werden. Das wäre bei uns die Stadt Amberg als untere Katastrophenschutzbehörde.

Sie hatten ja kürzlich erst den Fall, dass es auf der Intensivstation im Klinikum gebrannt hat ...

Das stimmt. Geht man davon aus, dass unser Haus mit rund 500 Patienten belegt ist und 700 Mitarbeiter da sind, dann sind allein das 1200 Menschen. Rechnet man noch Besucher und ambulante Patienten dazu, kommt man schnell auf 1500, wovon mindestens ein Drittel hilfsbedürftig ist. Da ist es umso wichtiger, für den Fall der Fälle einen Notfallplan zu haben, der auch immer fortgeschrieben oder den Begebenheiten angepasst wird.

Kommen wir zurück zum Masterstudiengang. Welche Voraussetzungen muss man dafür erfüllen?

Man muss ein Studium bereits abgeschlossen haben und mindestens drei Jahre im Katastrophenschutz tätig gewesen sein. Außerdem ist gutes Englisch erforderlich, da der Unterricht zum Teil in Englisch ist.

Belegen diesen Studiengang nur Ärzte?

Nein, ganz im Gegenteil. In meinem Jahrgang - es war der dritte überhaupt, inzwischen sind es schon zehn - waren einige Feuerwehrleute, Geographen, Biologen, einer davon von einer Forschungsinstitution, zwei Ärzte, ein Jurist, Betriebswirtschaftler und ein Wasserbauingenieur. Die Idee ist ja, dass verschiedene Fachleute vertreten sind - so kann man über den eigenen Tellerrand hinausschauen.

Was beinhaltet das Studium?

Da spielt zum Beispiel die Soziologie mit rein, bei der Frage, wie sich die Bevölkerung im Katastrophenfall verhält.

Und, wie verhält sie sich?

Mit Hilfsbereitschaft, die man nutzen kann, aber natürlich auch koordinieren muss.

Der Faktor Mensch ist aber eine unberechenbare Größe?

Grundsätzlich gibt es bei jeder Katastrophe eine sogenannte Chaos-Phase, wo alles noch unkoordiniert ist. Je besser man darauf allerdings vorbereitet ist, desto mehr lässt sich die Chaos-Phase verkürzen.

Kann man überhaupt eine Katastrophe beherrschen oder ist das ein Ding der Unmöglichkeit?

Man muss einen roten Faden finden und wissen, wann der Punkt der Subkatastrophe überschritten ist, wann es so weit ist, dass ein Ereignis eine Katastrophe ist. Darauf muss man vorbereitet sein.

Aber sie lassen sich nicht verhindern, oder?

Nein, das nicht, aber man kann diesbezüglich Wahrscheinlichkeiten berücksichtigten. Dies geschieht vorab mit einer Risikoanalyse. Würde man ein Krankenhaus in einem Tsunami-Gebiet direkt an der Küste errichten, dann müsste man damit rechnen, dass wirklich ein Tsunami kommt und die Klinik möglicherweise wegspült. So gesehen, lassen sich durch Planung und Risiko-Bewertung viele Szenarien minimieren. Aber die Sicherheit, dass zu 100 Prozent nichts passiert, gibt es nicht.
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