Keine Flucht vor Trauma

Der Angeklagte tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Auch dann, als eines seiner mutmaßlichen Opfer aussagt und zu der bitteren Bilanz kommt: "Er versaut mein Leben bis heute." Die 29-Jährige weiß noch immer nicht, was mit ihr geschah, als sie ihr Peiniger mit einem Beruhigungsmittel in Tiefschlaf versetzt hatte.

Es kommt ganz selten vor, dass der Bundesgerichtshof (BGH) ein Urteil vollständig aufhebt. In diesem Fall tat er es und hielt einer Strafkammer des Amberger Landgerichts in seiner Revisionsbegründung erhebliche Rechtsfehler vor. Nun muss das Verfahren gegen einen 35 Jahre alten IT-Fachmann aus Schwandorf erneut aufgerollt werden. Das geschieht vor einer anderen Kammer in Amberg und mit der möglichen Option für den Beschuldigten, dass es längst nicht bei den drei Jahren Haft bleibt, die beim ersten Prozess verhängt wurden. Die Staatsanwältin Michaela Frauendorfer hatte dabei neun Jahre gefordert.

Es geht um eine Serie schwerer Straftaten mit sexuellem Hintergrund. Der Mann aus Schwandorf war offenbar auf Frauenbekanntschaften aus. 2012 erhielt er dann Besuch von einer heute 29-Jährigen aus Oberbayern. Die ehemalige Berufssoldatin wollte auf einer Couch in der Wohnung des Mannes übernachten und ließ sich zur Einnahme eines, wie sie glaubte, homöopathischen Mittels überreden. Sekunden später fiel sie in Tiefschlaf. Ihr war eine hohe und möglicherweise sogar lebensgefährliche Dosis des Beruhigungsmittels Diazepam verabreicht worden.

Kaum Erinnerungen

Was dann passierte, ist in den Einzelheiten unklar. Die Frau wachte erst viele Stunden später auf. Sie lag im Bett des Mannes, war teilweise unbekleidet und konnte sich nur noch erinnern, dass ihr die Beine weit nach oben gedrückt wurden. An ihrem Körper befanden sich Blutergüsse.

Später fuhr sie heim, ging ins Krankenhaus. Was genau mit ihr passierte, weiß die Mutter zweier Kinder noch immer nicht. Das macht sie bis heute rast- und ruhelos. "Ich bin inzwischen vier Mal umgezogen". Bis nach Norddeutschland. Doch es half ihr kaum weiter. Sie ist nach wie vor auf der Flucht vor ihrem Trauma.

Es gibt noch weitere massive Vorwürfe. Im Zuge ihrer Ermittlungen hat Staatsanwältin Frauendorfer zwei Videos beschlagnahmt, die der Beschuldigte mit seinem Handy machte. Die Filme zeigen zwei Frauen, die ebenfalls im Tiefschlaf auf Betten liegen. Sie offenbaren auch eine Hand, die sie begrapscht, betastet und unsittlich berührt.

Die Identität der Opfer war beim ersten Prozess unbekannt. So urteilte dann das damals tagende Gericht sinngemäß, man könne nicht ausschließen, dass die Frauen damit einverstanden gewesen seien. Der BGH in Karlsruhe verwies dies allerdings in den Bereich der Fabel.

Wehrlosigkeit entscheidend

Unterdessen hat sich eine der beiden Frauen bei den Behörden gemeldet. Sie wird am kommenden Freitag aussagen. Die zweite kennt man noch immer nicht. Gleichwohl: In Karlsruhe gelangte der 1. Senat zu der Ansicht, dass die Identität keine dominierende Rolle spiele. Viel eher sei von Bedeutung, dass auf den Videos die Wehrlosigkeit der Opfer zu erkennen ist.

Auf Anraten seines Verteidigers Michael Haizmann (Regensburg) schweigt der 35-Jährige. Er hat zwischenzeitlich 5000 Euro als Schmerzensgeld an die ehemalige Berufssoldatin überwiesen. "Ich habe die Summe abgehoben und nach zehn Minuten ausgegeben. Ich wollte sie nicht auf meinem Konto", sagte die 29-Jährige zum Prozessauftakt vor der 4. Strafkammer des Amberger Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Stefan Täschner.
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