Kindergärtnerin will Freispruch

Die Angeklagte sagt: "Ich kann nichts zugeben, was ich nicht gemacht habe." Die gegen sie erhobenen Vorwürfe wiegen schwer: Die Erzieherin soll Kleinkinder dazu gezwungen haben, ihr eigenes Erbrochenes zu schlucken.

Außerdem soll die 57-Jährige für weitere unliebsame Ereignisse in einem Amberger Kindergarten gesorgt haben. Der Prozess gegen die heute in Sachsen lebende Kindergärtnerin ist am Mittwoch in seine zweite Runde gegangen. In erster Instanz hatte sie heuer im Mai vom Amtsgericht eine empfindliche Strafe erhalten: 18 Monate Haft mit Bewährung, 2500 Euro Geldbuße und fünf Jahre Berufsverbot. Dagegen stemmt sie sich nun zusammen mit ihrem Anwalt Bernhard Geßlein (Chemnitz) vor der 3. Strafkammer des Landgerichts. Freispruch will Geßlein bei dieser Berufungsverhandlung erreichen. Einspruch hat aber auch Staatsanwältin Dr. Isabel Rupprecht eingelegt. Ihr erschien das Amtsgerichts-Urteil zu mild.

Suche nach der Wahrheit

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Dreßler geht in einer umfangreichen Beweisaufnahme, zu der erneut zahlreiche meist weibliche Zeugen geladen sind, auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei lauten die Fragen: Zwang die 57-Jährige mehrere Kinder dazu, Erbrochenes zu essen? Gilt Gleiches auch für Papierschnipsel, weil vorher der Maltisch nicht aufgeräumt worden war? Wurden Kinder beim Mittagsschlaf so eingewickelt, dass sie sich kaum mehr rühren konnten? Durften manche auch nicht auf die Toilette, obwohl sie mussten?

Ost-West-Konflikt?

Die aus dem Erzgebirge stammende Erzieherin hat das zum Auftakt bestritten. Dann kamen erste Zeuginnen. Manche sahen etwas, andere kannten die Vorgänge vom Hörensagen. Fakt ist: Es gab Beschwerden von Eltern. Daraufhin schaltete sich das Jugendamt und danach die Polizei ein. Die Trägerin der Einrichtung erfuhr nach eigenem Bekunden von ihrem Personal nichts. "Mir wurde das erst vom Jugendamt gesagt", ließ sie vor der Kammer anklingen. Eine Erzieherin behauptete allerdings, sie habe das ihrer Dienstvorgesetzten berichtet.

Schon in erster Instanz hatte Anwalt Geßlein eine Art "Ost-West-Konflikt" ins Feld geführt. Genauer: Man habe die 57-Jährige im Kreis der Kolleginnen wohl nicht so recht gemocht. In erster Linie wegen ihrer DDR-Abstammung und der Art, wie man dort den Nachwuchs zu erziehen pflegte. Geßlein hat diese Ansicht nun auch beim Berufungsprozess geäußert.

Besonders hart trifft die Angeklagte das gegen sie verhängte Berufsverbot. Sie darf seither nicht mehr erzieherisch tätig sein, geht nur noch - wie sie schilderte - "ehrenamtlichen Tätigkeiten" nach. Die 57-Jährige ist außerdem schwer krank. Der Prozess wird Anfang Dezember fortgesetzt
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