Kinderwunsch auf Eis

Facebook und Apple zahlen es, Google überlegt noch: Social Freezing. Und das ganze Land diskutiert, ob es moralisch vertretbar ist, in jungen Jahren Eizellen einfrieren zu lassen, um den Kinderwunsch für später aufzuheben. Viele empören sich über solch eine Vorgehensweise.

"Warum?", fragt Dr. Jürgen Krieg vom Kinderwunschzentrum. Ihm sitzen tagtäglich Frauen - und im Übrigen auch Männer - gegenüber, bei denen es mit einem Kind nicht klappt. Diese Paare sehen die In-Vitro-Fertilisation (IVF) als letzten Ausweg, um ihre Familienplanung noch realisieren zu können.

Krieg schildert das Dilemma, das Frauen heute haben: In jüngeren Jahren, also von 25 bis 29, ist ihre Fruchtbarkeit am höchsten, doch oftmals stecken sie mitten im Berufsleben oder es fehlt ihnen schlicht und ergreifend der Partner zum Kinderkriegen. Lassen sie in diesem Alter unbefruchtete Eizellen einfrieren, sei es eine Möglichkeit, diese zum Beispiel mit Ende 30 nutzen zu können und dann "gute und gut zu befruchtende Eizellen zur Verfügung zu haben".

"Nachvollziebare Gründe"

Jürgen Krieg sieht im Social Freezing eine Möglichkeit für Frauen, "ihr Leben selbst zu bestimmen". Außerdem, so gibt der Gynäkologe und Reproduktionsmediziner zu bedenken, ist es ja nicht so, dass die Unternehmen Facebook und Apple ihre Mitarbeiterinnen dazu nötigen - "sie bieten es ihnen nur als Möglichkeit an".

Jürgen Krieg wechselt gedanklich die Perspektive, betrachtet es aus der Sicht von Frauen, die - wenn sie im fruchtbarsten Alter sind - ihr Studium abgeschlossen haben und in den Beruf starten. "Manchmal sind die Frauen auch 30 und es fehlt ihnen der richtige Partner", ergänzt Biologin Nathalie Raffel, die im IVF-Labor des Kinderwunschzentrums tätig ist. Für Krieg und Raffel sind all diese Argumente gut nachvollziehbare Beweggründe. "Man darf die Frauen dafür nicht verurteilen", warnt der Gynäkologe. Wer in jungen Jahren Eizellen einfrieren lasse, der entscheide sich nicht zwangsläufig dafür, erst ab 40 Kinder kriegen zu wollen. Eher sei es so eine Art Versicherung. "Der Idealfall ist ja, dass die eingefrorenen nicht benötigt werden." Heißt im Klartext: Die Frau ist später auf natürlichem Weg schwanger geworden, hat ihre Kinder bekommen. Krieg vergleicht Social Freezing mit der Berufsunfähigkeitsversicherung: "Jeder hofft, dass er sie nicht braucht, schließt sie aber trotzdem ab." Ähnlich sei es mit Nabelschnurblut: "90 Prozent von dem, was eingefroren wird, wird nicht benötigt."

Keine Garantie

An Social Freezing sei nichts Verwerfliches, verteidigt Krieg die, wie er sagt, Freiheit der Entscheidung für die Frauen. "Es ist aber keine Garantie für eine spätere Schwangerschaft", dämpft er mögliche Euphorien. Die Chancen seien dank gut zu befruchtender Eizellen eben besser. Die Möglichkeit, Eizellen konservieren zu lassen, nutzen auch junge Krebspatientinnen - so können sie sich nach überstandener Chemotherapie ihren Kinderwunsch doch noch erfüllen. (Angemerkt, Hintergrund)
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