Kleiner Scherz mit großer Wirkung

Es gibt sie also doch noch: Komödien, die diese Bezeichnung auch verdienen, die ohne Schenkelklopfer und fade Altherrenwitze auskommen und stattdessen mit Ironie und intelligenten Dialogen das Publikum unterhalten. Im Stadttheater Amberg war einer dieser raren Momente zu sehen.

"Der Vorname" ist der Titel eines dieser seltenen Glücksfälle im standup-comedy-verseuchten Unterhaltungsgeschäft, das schon zum zweiten Mal binnen Jahresfrist im Amberger Stadttheater aufgeführt wurde. Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patterlière heißen die Schöpfer des Stücks, das auch schon verfilmt wurde.

Die deutsche Bearbeitung besorgte Georg Holzer, Ulrich Stark führte Regie. Die Ausgangssituation kennt jeder. Ein gemütliches Abendessen unter Freunden und Verwandten. Dabei sind als Gastgeber Pierre (Christian Kaiser), der politisch überkorrekte Literaturprofessor, und seine Gattin Elisabeth (Anne Weinknecht), die ein frustrierendes Leben führt, weil eigentlich sie die Doktorarbeit für ihren Mann geschrieben hat und sich nun um Haushalt und Kinder kümmern muss. Deren Bruder Vincent (Martin Lindow), erfolgreicher Immobilienmakler und ein richtiger Filou, der mit seinen Scherzen übers Ziel weit hinausschießt und damit die Gefühlsverwirrungen auslöst, von denen das Stück handelt. Dazu standen noch Vincents Lebensgefährtin Anna (Julia Hansen) und der gemeinsame Freund Claude (Benjamin Kernen) auf der Gästeliste.

Erst hui, dann pfui

Diese Charaktere werden gleich zu Beginn wortreich vorgestellt, und selbst der sechste, nicht anwesende Gast, nämlich Vincents und Elisabeths Mutter und die Geliebte des fälschlich für homosexuell gehaltenen Musikers Claude nehmen im Laufe des Spiels Gestalt an.

Beim Aperitif plaudern die Teilnehmer des Abendmahls noch ganz unverbindlich miteinander, bis der Tunichtgut Vincent überraschend erklärt, dass seine Liebste Anna in anderen Umständen sei. Das führt dann zu der verhängnisvollen Debatte, ob Adolphe als Vorname nach dem Unheil, das der Adolf mit dem Bart angerichtet hat, noch statthaft sei. Spätestens ab diesem Moment kommen die Zuschauer in den Genuss höchst subtiler Wortspielereien und eines durch Alkoholkonsum verschärften Streites, in dem ständig neue Koalitionen gebildet werden und sich die Situation rasant ändert. Jeder Protagonist muss mal als Held und mal als Buhmann herhalten.

Die Darsteller-Crew meistert diesen Parforce-Ritt durch die Gefühlswelten dieser Uppermiddleclass-Persönlichkeiten sichtbar mit Genuss. Musiker, Makler, Professor und Hausfrau werden durch die schauspielerische Leistung des Ensembles glaubwürdig und erschreckend lebensecht dargestellt. Wahrscheinlich hat deshalb so mancher Zuschauer das unbestimmte Gefühl, den einen oder anderen Typus Mensch nicht nur als Bühnenperson, sondern auch real in seinem Bekannten- oder gar Verwandtenkreis zu kennen.

"Schönes Abendessen"

Am Ende des Spiels, an dem die ach so guten Freunde heillos zertritten und beschämt über ihre "Leichen im Keller", die ausgegraben wurden, nicht mehr in die Augen sehen können, wird schon die nächste Lüge aufgebaut. Den Anruf ihrer Mutter beantwortet Elisabeth mit einem nett gemeinten, aber völlig falschen: "Uns geht's gut, es war ein schönes Abendessen."

Die Zuschauer erleben hautnah mit, wie aus einem dummen Scherz und übermäßigen Alkoholgenuss eine emotionale Katastrophe entstehen kann, die langjährige Freund- und Liebschaften, Beziehungen und Ehen an einem einzigen Abend zerstören kann. Also Vorsicht, die nächste Gelegenheit für ein harmonisches Familienfest steht kurz bevor. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!
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