Klinikum St. Marien über Diäten und gesunde Ernährung
Und ewig lockt das Süße

Jeder zweite Deutsche ist zu dick. Doch stimmt das wirklich? Ja, sagt zumindest die Statistik. Und es ist beileibe nicht nur ein weibliches Problem.

Sie haben täglich mit Menschen zu tun, die mehr auf die Waage bringen, als gut für sie ist. Und sie kennen die Folgen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Im Interview schildern drei Mitarbeiterinnen des Klinikums St. Marien, Ernährungsmedizinerin Dr. Alexandra Bloch, Diätassistentin Lilly Gaulard-Hirth und Diabetes-Beraterin Barbara Sporer, was hilft, um abzunehmen, dauerhaft sein Gewicht zu halten und gesünder zu leben.

Laut Statistik ist jeder zweite Deutsche zu dick, stimmt das wirklich?

Das stimmt, laut Fachgesellschaften sind 67 Prozent der Männer und über 50 Prozent der Frauen übergewichtig.

Oha, also sogar die Männer ...

Ja, eigentlich würde man denken, dass es mehr Frauen sind.

Bei den Frauen ist es so, dass die meisten zwischen 60 und 75 übergewichtig werden.

Woher kommt das?

Viele Frauen haben bis 40 ihr Normalgewicht, ab dann legen sie zu. Das hat auch mit den Hormonen zu tun. Mit zunehmendem Alter wird man fauler, macht nicht mehr so viel.

Haben die Frauen kleine Kinder, haben sie einen ganz anderen Stress und mehr Bewegung. Fällt das weg, geht es dahin. Nicht umsonst heißt es: Der beste Freund von Frauen und Männern sind TV und technische Geräte.

Das fängt bei Schulkindern an, viele haben Bewegungsmangel, sitzen nur vor dem Computer. Oftmals wird das Essen vor dem Fernseher eingenommen, vor allem Convenience Food, also teil- oder verzehrfertige Produkte.

Es muss schnell gehen und schmecken. Wie schafft man das? Mit viel Salz und Fett!

Hängt es damit zusammen, dass wir heute Nahrung im Überfluss haben?

Natürlich. Das sieht man schon, wenn man durch die Stadt geht. Hier gibt's Bratwürste, da ein Eis, dort den nächsten Imbiss. Früher haben die Kinder ein Eis pro Woche bekommen, samstags ein Steckerleis. Man muss Kindern erst einmal ein Essverhalten beibringen, das geht natürlich nur, wenn die Mutter frühstückt und nicht nur eine Zigarette raucht und einen Kaffee trinkt. Oder die Kinder nur Milchschnitte oder Kinder-Hörnchen bekommen.

Was ist gerade an den Kinder-Hörnchen so schlecht?

Sie haben sogenannte Trans-Fette, das sind versteckte Fette, die industriell hergestellt wurden und die für uns sehr schlecht sind.

Wo findet man sie sonst noch?

Fast in jedem Fertigprodukt.

Ist dann weniger mehr?

Das stimmt, eine Studie besagt auch, dass es mit der Größe der Portionen zusammenhängt.

Das kann ich bestätigen. Ich war vor drei Wochen in der Benediktinerabtei Plankstetten. Wenn man gewohnt ist, normale Portionen zu essen, war man schnell satt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, die Leute trinken zu wenig und außerdem das falsche. Sie sagen immer, sie trinken nichts, weil sie keinen Durst haben. Andererseits: Wir essen, obwohl wir keinen Hunger haben. Wir registrieren nicht, wie oft wir bei Essen da und dort zugreifen.

Wie sieht es generell aus mit Diäten, bringen die was?

Ich kenne keine einzige, die wirklich hilft. Man reduziert, der Körper arbeitet auf Sparflamme. Isst man wieder normal, nimmt man zu.

Also Pfunde runter, Kilos rauf?

Ja, genau. Das ist der berühmte Jo-Jo-Effekt, der dann einsetzt.

Was bringt wirklich was?

Eine Ernährungsumstellung. Das heißt, dass man nicht hungern soll, sondern so viel isst, dass man satt ist, sich aber ausgewogen ernährt, Sport macht und sich bewegt. Crash-Kuren oder Diäten haben nur kurzfristige Erfolge.

Die Werbung verspricht oftmals, einige Kilo in wenigen Tagen ...

Das ist nicht ratsam, ganz im Gegenteil: Um dauerhaft abzunehmen, muss man Wille und Zeit mitbringen. Und vor allem die Bereitschaft, sich umzustellen. Mehr als zwei bis zweieinhalb Kilo pro Monat sollte man nicht abnehmen.

Die Bereitschaft ist das Wichtigste, der Mensch muss sagen: "Ja, ich möchte das", sonst funktioniert es nicht. Leider sind ganz viele Adipositas-Programme auf 52 Wochen ausgelegt, das ist viel zu kurz.

Häufig ist es so, dass Menschen erst dann motiviert sind, wenn sie krank sind, zum Beispiel Diabetes haben. Wichtig ist, dass viele Therapiebausteine greifen.

Welche gäbe es da außer Bewegung und richtige Ernährung noch?

Zum Beispiel Verhaltenstherapie, um bestimmte Mechanismen aufzulösen. Für manche ist Ernährung ein Ersatz. Da ist es besser, 20 Paar Socken zu stricken, als zwei Tafeln Schokolade zu essen.

Aus denen schnell drei oder vier werden ...

Natürlich schmeckt uns Süßes besser, es stellt sich nur die Frage, ab wann uns Kaffee schmeckt: für manche erst mit sechs Stück Würfelzucker.

Spielt es eine Rolle, dass die Geschmäcker verschieden sind?

Natürlich, jeder von uns isst anders. Der eine deftig, der andere süß. Das muss man auch berücksichtigen bei einer Ernährungsumstellung. Wenn man das nicht macht, dann bedeutet es nur Verzicht, der Mensch kasteit sich selbst, das ist auch nicht gut.
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