Knapp sieben Jahre für 31-Jährigen gefordert - Gutachter verneinen Psychiatrie-Unterbringung
"Tickende Zeitbombe" soll in Haft

Der Mann ist, wie Staatsanwalt Tobias Kinzler in seinem Plädoyer beschrieb, "extrem brutal und gefährlich." Dennoch muss der 31-Jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zurück in die Psychiatrie, wo er schon ein Jahrzehnt lang zubrachte. Stattdessen droht ihm eine lange Gefängnisstrafe. Knapp sieben Jahre sind beantragt.

Vier Tage lang ging es vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Amberg um Schlägereien und Brutalitäten übelsten Ausmaßes. Kaum aus der Forensik entlassen, hatte der Angeklagte im Vorjahr mit einer Serie von Körperverletzungen begonnen, mussten Opfer in Krankenhäuser. Als Hiebwaffen dienten Kleiderbügel, eine Kleiderstange, ein Fahrradschloss, Fäuste und Füße. Malträtiert damit wurden die Lebensgefährtin des Mannes, ein zu Hilfe eilender Nachbar und die eigene Mutter. Die Tatorte lagen im östlichen Landkreis.

Muss einer wie er nicht dorthin zurück, wo er herkam? Die beiden zum Prozess geladenen psychiatrischen Sachverständigen Thomas Lippert (Nürnberg) und Dr. Matthias Lammel (Hamburg) verneinten unabhängig voneinander. Sie attestierten dem 31-Jährigen zwar eine Persönlichkeitsstörung. Allerdings nicht von jenem Ausmaß, die eine erneute Unterbringung in der Forensik von streng angelegten Gesetzesauflagen her rechtfertigen würde. Also voll verantwortlich für die äußerst brutalen Ausschreitungen? Irgendwie schon. Wenngleich womöglich mit eingeschränkter Steuerungsfähigkeit.

Es reicht ohnehin schon

Schwierig begreifbar für Beobachter. Zumal sich am vierten Verhandlungstag herausgestellt hatte: Schon in der Schule war der heute 31-Jährige durch abnormes Benehmen aufgefallen. Mitschüler waren Zielscheibe grundloser Angriffe, einem von ihnen wurde eine brennende Zgarette am Hals ausgedrückt. Als die zahlreichen Vorstrafen verlesen wurden, offenbarte sich: Bei Neunburg vorm Wald hatte der Mann als Beifahrer aus einem Auto heraus einen des Weges kommenden Radfahrer mit einem Stock geschlagen, offenbar aus reinem Hang zur Attacke.

Gutachtermeinungen sind auch für Staatsanwälte bindend. Von daher konnte Anklagevertreter Tobias Kinzler keine erneute Einweisung in die Psychiatrie verlangen. Für den 31-Jährigen forderte Kinzler sechs Jahre und neun Monate Haft. "Was er gezeigt hat, war eine exzessive Form von Gewalt", unterstrich Kinzler und fuhr fort: "In Freiheit legt dieser Mann ständig kriminelles Verhalten an den Tag". Danach formulierte der Staatsanwalt folgenden Satz: "Er ist eine tickende Zeitbombe und er wird, wenn wieder etwas passieren sollte, in der Sicherungsverwahrung einlaufen."

Die unter Anklage gestellten gefährlichen Körperverletzungen bezeichnete Kinzler als "nur einen Ausschnitt des kriminellen Verhaltens." Er sprach von "glücklichen Umständen", dass bei den Übergriffen "nicht noch Schlimmeres geschehen ist." Immerhin: Die Lebensgefährtin musste zwei Mal mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, der Nachbar hatte sich einer Schädeloperation zu unterziehen.

Und was dann?

Einen "Mann mit narzisstischem Benehmen" sah der Staatsanwalt in dem 31-Jährigen. Nicht grundlos: Kaum jemals zuvor hatte die Strafkammer einen Angeklagten so bremsen müssen wie diesen. Er begehrte auf, signalisierte Unverständnis, wollte in einer dem Gericht überreichten Notiz milde bestraft werden, versuchte Abläufe in die Hand zu nehmen. Wie die Strafe ausfällt, soll sich heute zeigen. Die Kammer wird dabei wohl kaum eine andere Möglichkeit haben, als ihn hinter Gefängnismauern zu schicken. Doch stellt sich heute schon die Frage: Was geschieht dann, wenn er sich wieder auf freiem Fuß befindet?
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2014 (9309)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.