Letzte Ausfahrt Therapie

Sein Bewährungshelfer kennt ihn seit 15 Jahren und als Zeuge berichtet er von dem immer gleichen, fatalen Spiel: In Haft reift der Entschluss, jetzt wird alles ganz anders. Eine Woche später die alte Leier.

(zm) Und dann bekommt er eine Therapie. Dieses landläufige Vorurteil soll in der Regel beschreiben, dass die Justiz gegenüber straffälligen Drogensüchtigen allzu viel Milde walten lasse. Jens F. (Name geändert) wird jetzt eine gegenteilige Erfahrung machen. Würde er seine Haftstrafe absitzen, wäre er spätestens nach 15 Monaten wieder ein freier Mann. Doch er muss sich einer zwangsweisen Langzeittherapie unterziehen. Mindestens 18 Monate lang, besser 24. In einer geschlossenen forensischen Einrichtung.

Dieses Urteil sprach am Mittwoch Amtsrichterin Julia Taubmann und fügte in ihrer Begründung hinzu: "Sie wegzusperren, damit ist Ihnen und der Gesellschaft nicht gedient." Selbst Jens F. nickte. Wie es im Gefängnis ist, das weiß er zur Genüge. Er saß schon einige Male ein. Auch die Vorladung zu dieser Verhandlung erreichte ihn im Februar in einer JVA nur wenige Tage vor seiner letzten Entlassung. Sicher, es gibt von weit mehr krimineller Energie getriebene Straftäter, die sich viel gewichtigere Delikte zuschulden kommen lassen.

Die Ehe zerfällt

Doch auch Bedrohung, Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahl und Verstoß gegen die Führungsaufsicht klingen nicht gerade nach einem Pappenstiel. Diese Vorwürfe hielt Staatsanwältin Dr. Barbara Tutsch in ihrer Anklage Jens F. entgegen. Bis auf ein paar kleine Details räumte er alles ein. Zusammengekommen sind diese Anschuldigungen, die bis September 2013 zurückreichen, hauptsächlich als Folge des Zerfalls der vor drei Jahren geschlossenen Ehe des Beschuldigten. Das ging nicht geräuschlos über die Bühne. Die inzwischen mit dem gemeinsamen Kind getrennt von dem 32-Jährigen lebende Ehefrau (23), die Anzeige wegen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung gestellt hatte, ist sehr vorsichtig geworden. Ihre Wohnadresse wollte sie als Zeugin vor Gericht nicht sagen, stattdessen übergab sie der Richterin schweigend einen Zettel.

Jörg F. wuchs ab seinem zwölften Lebensjahr in einem Kinderheim auf. Den ersten Kontakt mit Drogen, damals noch Haschisch oder Marihuana, datiert er auf 15. Nur ein Jahr später sei Crystal hinzugekommen, Alkohol in hohen Dosen erst am Schluss. Als "jede Menge" beschrieb der Angeklagte seinen gesamten Drogenkonsum quer durch die drei Genussgifte bei einer Begutachtung von Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel. Täglich seien es ein halbes Gramm Crystal, bis zu fünf Gramm Haschisch oder Marihuana plus Alkohol gewesen. Der Psychiater kam deshalb zu der eindeutigen Diagnose, dass "eine schwere Suchterkrankung" vorliegt.

"Ziel erreicht"

Ausschließlich seinen Drogenkonsum machte der 32-jährige für sein völlig aus dem Ruder gelaufenes bisheriges Leben (16 Vorstrafen, mehrere Haftaufenthalte, 15 Jahre bei der Bewährungshilfe bekannt) verantwortlich. Eine Therapie hat er noch nie in Erwägung gezogen. Das übernahm nun die Justiz für ihn. Selbst Rechtsanwalt Jürgen Mühl kommentierte das Urteil, das dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgte, mit dem Satz, "wir haben das Ziel, worauf es ankommt, erreicht", und nahm den Richterspruch an.
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