Luthers ganz dunkle Seite

"So müssen wir sie wie die tollen Hunde ausjagen." Diesen Satz hat Martin Luther über die Juden gesagt. Er stand als Titel über einem kritischen Diskussions- und Vortragsabend, der sich mit dem teils zerstörerischen Bild des Reformators über das Judentum befasste. Schonungslos kamen seine Thesen auf den Tisch.

Eingeladen hatte das Evangelische Bildungswerk im Zuge der Interkulturellen Woche und der Reformationsdekade. Die Zuhörer im Paulaner-Gemeindehaus ließen sich nicht lange bitten, war es doch Pfarrerin Barbara Eberhardt, Referentin der Evangelischen Erwachsenenbildung aus Regensburg, die über dieses heikle Thema sprach.

Pfarrer Dr. Reinhard Böttcher hatte die Besucher zuvor auf den Abend eingestimmt, der trotz oder gerade wegen des Reformationsjubiläums diese Schattenseite Luthers nicht aussparte. "Welche Rolle spielt er für unsere evangelische Identität heute und welche Aussagen des Reformators können wir als Wahrheit heute akzeptieren?", waren die zentralen Fragen, die Barbara Eberhardt dann vertiefte. "Dass der traditionelle Zugang zu Luther, seine Verehrung, die Wertschätzung aller seiner Aussagen, heute nicht möglich ist, zeigt sich nirgends so deutlich wie an seiner Haltung gegenüber den Juden", sagte sie deutlich. Die Pfarrerin wies darauf hin, dass es nicht funktioniere, alle Aussagen Luthers eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen und sie zur Richtschnur evangelischer Identität zu machen.

Es gibt laut Eberhardt eine ganze Fülle von Schriften, in denen sich Luther über die Juden geäußert habe. Grundsätzliche Bedeutung habe die in seinem Bibelstudium gefundene Antwort auf die ihn schon lange bedrängende Frage, wie er einen gnädigen Gott bekomme: "Luther entdeckte, dass Gott nicht Gerechtigkeit fordert, sondern Gerechtigkeit schenkt und zwar in Jesus Christus: Wer an Jesus glaubt, der muss Gott nicht mehr gerecht werden, der ist gerechtfertigt von Gott selbst. Alles hängt also vom Glauben an Jesus ab".

Jesus war geborener Jude

Folge dieser Erkenntnis seien die 95 Thesen gegen den Ablass gewesen, wegen derer Luther beim Reichstag zu Worms 1521 von Papst Leo exkommuniziert wurde. 1523 erschien seine erste Judenschrift "Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei". Luther habe darin auf die Strategie der Eröffnung lebensweltlicher Partizipation und für die freundliche Behandlung der Juden gesetzt, was die Pfarrerin als zeitlos guten Ansatz wertete. Sie verwies allerdings auf die letzten Sätze des Büchleins, wo die "Halsstarrigkeit" etlicher Juden zur Sprache komme, ihre "Schuld" an Jesu Tod und der damit verbundene "Fluch" sowie die Feststellung, dass Christus geborener Jude war. Weitere Texte folgten, 1543 "Von den Juden und ihren Lügen". Eberhardt ging auf die teils erschreckenden Forderungen darin ein, die in den Schlussworten gipfeln: "Will das nicht helfen, so müssen wir sie wie die tollen Hunde ausjagen, damit wir nicht, ihrer gräulichen Lästerung und aller Laster teilhaftig, mit ihnen Gottes Zorn verdienen und verdammt werden. Ich habe das Meine getan; ein jeglicher sehe, wie er das Seine tue."

"Wüst" und "schmutzig"

Im März 1543 sei die jüdische Spätschrift "Vom Schem Hamphoras" gefolgt, die von Zeitgenossen Luthers als "die wüsteste und sprachlich schmutzigste Schrift, die Luther je geschrieben" habe, gewertet wurde. Dabei hob die Referentin hervor, dass Luther kaum Kontakt zu Juden gehabt hätte und sein Bild nicht auf Realitäten gründete. Zum heutigen Umgang damit riet sie: "Wir müssen Luther als historische Figur auffassen. Er war ein Mensch - in manchem genial, in manchem unsäglich. Er hat den gnädigen Gott verkündigt und trotzdem in seinen späteren Lebensjahren gegenüber den Juden eine gnadenlose Unbarmherzigkeit an den Tag gelegt. Es ist wichtig, das wahrzunehmen - Maßstab in allem bleibt allerdings die Bibel".
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